Kaum Gnade für
Arme, Jugendliche und Behinderte

12. Mai 2001, 15:18
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US-Statistik zeigt Risikogruppen auf - Schwarze überpropotional oft exekutiert - McVeigh kein typischer Todeskandidat

Washington - Beinahe alle kommen aus ärmlichen Verhältnissen, viele haben die Highschool abgebrochen und kaum einer hatte vorher schon einen Mord begangen. 706 Männern und sechs Frauen (Stand: 09. Mai) wurden seit der Aufhebung des Todesstrafen-Moratoriums durch das Oberste Gericht im Jahr 1976 in den USA hingerichtet. Der Bombenattentäter von Oklahoma, Timothy McVeigh, der am 16. Mai hingerichtet werden soll, ist laut Statistik kein typischer Attentäter.

Im Gegensatz zu McVeigh, der mit rechtsextremen Gruppen in Verbindung gebracht wird, hatte kaum einer der Hingerichteten ein politisches Motiv. Die Mehrzahl von ihnen hat auch nur einen Menschen getötet. Bei dem Bombenattentat, das McVeigh am 19. April 1995 auf ein Behördengebäude in Oklahoma verübte, wurden dagegen 168 Menschen getötet.

Südstaaten vorn

Mit 580 vollstreckten Todesurteilen seit 1976 liegen die südlichen US-Staaten deutlich vor den nördlichen. Allein auf Texas entfallen 246 Hinrichtungen, 152 davon in der Zeit, als der amtierende US-Präsident George W. Bush dort noch Gouverneur war. Der älteste Delinquent war 66 Jahre, der jüngste 22 Jahre alt.

Nur in 15 der 38 US-Staaten, die die Todesstrafe zulassen, muss der Verurteilte zum Zeitpunkt der Tat 18 Jahre alt gewesen sein. Siebzehn der Hingerichteten hatten die Tat vor ihrem 18. Geburtstag begangen.

Douglas Christopher Thomas erschoss im Alter von 17 Jahren zusammen mit seiner Freundin deren Eltern. Seine vierzehnjährige Freundin wurde nach dem Jugendstrafrecht verurteilt und war schon wieder in Freiheit, als Thomas im Jänner 2000 in Virginia hingerichtet wurde. Kurz vor seinem Tod sagte Thomas, er sehe ein, dass er bestraft werden müsse. Aber dass er dafür den höchsten Preis zahlen müsse, während seine Mittäterin, die genauso schuldig sei wie er, schon wieder auf freiem Fuß sei, empfinde er als ein "bisschen extrem".

Pflichtverteidiger

Viele der Verurteilten sind arm und müssen ihr Schicksal in die Hände von Pflichtverteidigern legen. Reiche Angeklagte können sich nach Ansicht von Todesstrafengegner bessere Anwälte leisten und so oft ihr Leben erkaufen, auch wenn sie möglicherweise schuldig waren.

John Young wurde zum Tode verurteilt, weil er drei alte Menschen zu Tode geschlagen und getreten hatte. Die Rechtsanwälte, die Youngs Revision betreuten, legten später dem Berufungsgericht eine eidesstattliche Erklärung des Pflichtverteidigers vor. Darin sagte der Anwalt aus, dass er fast keine Zeit auf Youngs Fall verwenden konnte, weil er zur Zeit der Verhandlung schwer drogenabhängig und in Krise war nach dem Entschluss, seine Homosexualität nicht mehr zu verheimlichen. Wenige Wochen später trafen sich Young und sein inzwischen wegen Drogendelikten verurteilter Pflichtverteidiger auf dem Gefängnishof wieder. Das Berufungsgericht hielt das Verhalten des Anwalts im Prozess trotzdem für angemessen. Young wurde 1985 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Klare Statistik

56 Prozent der Hingerichteten sind Weiße, 35 Prozent Schwarze, die übrigen neun Prozent Latinos, Indianer oder Asiaten. Allerdings sind in den USA 80 Prozent der Bevölkerung weiß und nur zwölf Prozent schwarz, so dass - gemessen am Bevölkerungsanteil - die Zahl dunkelhäutiger Delinquenten überproportional hoch ist. Kritiker weisen darauf hin, dass die Todesstrafe bei Weißen weniger oft verhängt wird. Das Oberste US-Gericht befand allerdings im Jahr 1987, dass die vorliegenden Statistiken über einen Einfluss der Rasse auf die Verurteilung nicht ausreichten, um Verfassungsverletzungen zu beweisen.

Die Hinrichtung von geistig zurückgebliebenen Menschen ist nur in 14 Staaten verboten. Bei rund 35 der Exekutierten wurden laut Gegnern der Todesstrafen Hinweise auf eine geistige Behinderung festgestellt. Die Anwälte von Terry Washington etwa sahen ihren Mandanten auf dem geistigen Stand eines sechs- bis achtjährigen Kindes. Die Staatsanwaltschaft führte dagegen an, Washington sei fähig gewesen, eine Arbeit auszuüben und ein Verbrechen zu planen. Er wurde 1997 hingerichtet. (AP)

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