Israelische Armee rückt wieder in den Gazastreifen ein

11. Mai 2001, 16:06
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Wieder Palästinenser getötet - Regierung lehnt Siedlungsstopp ab - Powell lobt Sharon - Syrien verschärft Ton gegen Israel

Jerusalem/Washington/Damaskus - Als Reaktion auf einen Granatenangriff im Gaza-streifen ist die israelische Armee am Freitag erneut in palästinensisch verwaltetes Gebiet eingerückt. Panzer und Planierraupen drangen 700 Meter weit auf autonomes Gebiet vor - weiter als je zuvor. Zugleich lehnte es Israel ab, den Bau jüdischer Siedlungen einzufrieren, wie es eine internationale Kommission unter Leitung des früheren US-Senators George Mitchell gefordert hatte. Aus Spitalskreisen wurde der Tod eines 16jährigen Palästinensers gemeldet, der am Grenzpunkt Karni von israelischen Soldaten erschossen wurde.

Die israelischen Truppen zerstörten bei ihrem Vormarsch einen Polizeiposten und fünf Häuser im Gazastreifen. Die Soldaten blockierten außerdem die Hauptverbindungsstraße durch das palästinensische Selbstverwaltungsgebiet. Zuvor hatten Palästinenser aus einem Auto Handgranaten auf eine Stellung der israelischen Streitkräfte beim Grenzübergang Kissufim geschleudert. Dabei sei ein Soldat schwer verletzt worden, teilte die Armee mit.

Bekenntnis zum Anschlag

In einem Anruf bei der Nachrichtenagentur AP bekannte sich die Untergrundorganisation "Demokratische Front für die Befreiung Palästinas" zu dem Anschlag. Die radikale Gruppe sprach von einem Akt der Vergeltung für den Tod eines vier Monate alten Babys, das am Montag bei einem Panzerangriff auf das palästinensische Flüchtlingslager Khan Yunis ums Leben gekommen war.

Der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben Eliezer erklärte, Israel habe nicht die Absicht, palästinensisches Territorium zurückzuerobern. Das Einrücken solle der Sicherheit dienen und sei nur von kurzer Dauer. Der Friede zwischen Israelis und Palästinensern müsse wahrscheinlich bis zur "nächsten Generation" palästinensischer Führer warten, sagte Ben Eliezer in einem Interview, das die Tageszeitung "Maariv" am Freitag veröffentlichte. Er glaube nicht, dass der palästinensische Präsident Yasser Arafat ein Abkommen mit Israel erreichen könne. Arafat warf er vor, dieser sei "entschlossen, den Terror fortzusetzen".

Lob für Sharon

Der palästinensische Planungsminister Nabil Shaath erklärte, die Palästinenser würden den Bericht der Mitchell-Kommission akzeptieren, der auf ein Ende der seit mehr als sieben Monaten andauernden Unruhen zielt. Dagegen lehnt Israel den von der Kommission geforderten Siedlungsstopp im Gazastreifen und im Westjordanland ab. Dies sei "aus praktischen Gesichtspunkten, ganz zu schweigen vom Prinzip, unmöglich", sagte der israelische Kabinettsminister Danny Naveh am Freitag im israelischen Rundfunk. Einer Umfrage von "Maariv" zufolge befürworten 55 Prozent der Israelis das Einfrieren des Siedlungsbaus, 39 Prozent sind dagegen.

Ungeachtet der jüngsten Welle der Gewalt lobte US-Außenminister Colin Powell jedoch die Friedensbemühungen des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon. Er beschrieb ihn am Donnerstagabend in Washington als "einen Mann, der Frieden will". Sharon wolle die Gespräche mit den Palästinensern aber nicht fortsetzen, solange die Gewalt andauere, sagte Powell vor dem Kongress. Auch Arafat sei bemüht, den Friedensprozess fortzusetzen. Die US-Diplomatie vermittle zwischen beiden Konfliktparteien. Ausdrücklich lobte Powell den Mitchell-Bericht als Basis für weitere Friedensbemühungen.

Keine Angst vor Krieg

Unterdessen erklärte der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass, Syrien habe keine Angst vor einem Krieg mit Israel. Der Krieg sei "sowohl unsere Wahl als auch unser Schicksal", sagte Tlass der in London erscheinenden arabischen Wochenzeitung "Al-Majalla". Das Blatt veröffentlichte das Interview am Freitag, fast einen Monat, nachdem Israel eine syrische Radarstation im Libanon bombardiert hatte. Bei dem Angriff am 16. April waren drei syrische Soldaten getötet worden.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan rief die Konfliktparteien erneut zu einem Ende der Gewalt und neuen Gesprächen auf. Ein Dialog beider Seiten sei der einzige Weg zu einem Waffenstillstand, für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Palästinenser und für neue Friedensverhandlungen, sagte Annan am Donnerstag in New York. (APA/AP/Reuters/dpa)

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