Austausch der Traurigkeit

10. Mai 2001, 22:01
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Zu entdecken: Gil Evans und Steve Lacy sowie Michel Petrucciani und Lee Konitz

Das Duo. Eine musikalische Gesprächsform, in der Herrschaften unter sich sind, die sich einen ungestörten Raum wünschen, um endlich ohne Zeit- und Kollegendruck Dinge zu erörtern, die immer schon auf der Zunge lagen. Immer ist ja was, immer dieser Weltenlärm! Das Duo aber auch: eine Form, in der nur das Nötigste gesagt wird, das Selbstverständliche also unhörbar bleibt. Das Duo lebt von der Kunst des Auslassens, der Abstraktion, ist ein sublimer Tanz der musikalischen Andeutungen. Das Duo schließlich: die Übereinstimmung musikalischer Reflexe, eine Musikform, in der das gemeinsame Atmen, ein Sich-verlassen-Können auf sein musikalisches Gegenüber dominieren. Das Duo: Das sind zwei risikofreudige Artisten ohne Sicherheitsnetz bei der Arbeit. Sie sind das Netz. Füreinander.

Gil Evans und Steve Lacy. Sie wollten immer schon - und 1987 haben sie es dann getan - als Duo ins Studio gehen. Dass es trotz lebenslanger Kontakte dazu nicht vorher gekommen war, mag vor allem mit Gil Evans zu tun gehabt haben. Sein Name wird ja eigentlich nur im Kontext von großen Orchestern und Miles Davis genannt. Das Orchester war sein Instrument, seine Liaison mit dem Klavier war eher selten öffentlich zu studieren. Als Pianist blieb Evans stets eine Randerscheinung, aber kurz vor seinem Tod hat er sich eben mit Steve Lacy, diesem präzisen Denker des Sopransaxophons, zusammengetan und diese Duo-Platte, Paris Blues, eingespielt, die nun wiederveröffentlicht wurde.

Beide mochten den wilden Charles Mingus und den galanten Duke Ellington. Dies manifestiert sich in der Song-Auswahl. Aber die Basis der Gespräche ist ja eigentlich einerlei. Worum es geht, ist die wunderbare Atmosphäre, die vom E-Piano lebt und Evans zu verdanken ist. Hier merkt man beim Improvisator Evans den Arrangeur und Komponisten. Großer Überblick und ein Hang zu schönen Klangfarben, die die Gesamtaura der CD prägen. Evans ist auch am Klavier ein Maler, der mit Akkorden dunkle Landschaften schafft, über die Lacy als großer Motivverarbeiter tänzelt. Improvisation ist bei Lacy Denksport wie auch ein In-sich-Hineinhorchen. Er seziert das Material und setzt es smart zusammen. Keine Note zu viel. Alles gut getimt und substanzvoll.

Es drängt sich zum Vergleich die Duo-Aufnahme Lee Konitz/Michel Petrucciani, Toot Sweet, auf. Mehr in Richtung Mainstream ausschlagend, ist sie mit ihrer rhapsodischen Anlage eine überzeugende Entführung in Bereiche, wo poetische Ideen wachsen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

  • Artikelbild
    foto: universal music
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