"Verhandlungen von Angesicht zu Angesicht sind am besten"

11. Mai 2001, 08:52
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Peres hält im STANDARD-Gespräch Tür zum Dialog offen

Standard: Sie haben die Situation im Nahen Osten so düster wie nie zuvor beschrieben. Sehen Sie die Gefahr eines neuen Krieges?

Peres: Nein, ich sehe nicht das Risiko eines Krieges, sondern das Risiko, dass der Terrorismus sich ausbreitet. Der Terrorismus hat eine völlig andere Strategie, er ist globaler Natur und geht über Grenzen hinweg, er hat keinen Personalausweis und richtet viel Schaden an. Weil er nicht unterscheidet, kann er jeden töten. Wir müssen uns weltweit anstrengen, den Terrorismus aufzuhalten.

STANDARD: Auf Israel wird viel Druck ausgeübt, die jordanisch-ägyptische Friedensinitiative aufzugreifen. Ist Israel bereit, darauf einzugehen?

Peres: Diese Initiative wurde von drei Parteien gestartet: von den Ägyptern, den Jordaniern und den Palästinensern. Es ist nur normal, dass die vierte Partei, nämlich Israel, die Gelegenheit haben sollte, ihre Sicht der Dinge hinzuzufügen. Wir haben versucht, dieses Papier nicht zurückzuweisen. Wir haben unsere Übereinstimmungen maximiert und unsere Vorbehalte minimiert. Wir führen Gespräche mit Ägypten, Jordanien und den Palästinensern, um Gemeinsamkeiten zu finden. Vielleicht kann dies erreicht werden.

STANDARD: Was wird der nächste Schritt sein?

Peres: Wir werden die Gespräche mit den Palästinensern weiterführen müssen. Bei allen Arten der Verhandlungen sind diejenigen, die von Angesicht zu Angesicht geführt werden, immer noch die besten. Die Anwesenheit einer dritten Partei verwirrt zumeist die Situation und trägt nicht zur Klärung bei.

STANDARD: Sind Sie zu solchen Gesprächen von Angesicht zu Angesicht bereit?

Peres: Ja. Wir befinden uns im Gespräch, wenn auch nicht in Verhandlungen. Um solche Verhandlungen vorzubereiten, kann man nicht gleichzeitig reden und schießen. Verhandlungen beinhalten Kompromisse und Zugeständnisse. Wenn geschossen und getötet wird, ist keine der beteiligten Parteien in der Stimmung, solche Kompromisse zu machen.

STANDARD: Läuft nicht alles darauf hinaus: Wer ist mutig genug, den ersten Schritt zu tun?

Peres: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben zunächst die ersten Schritte in Oslo gemacht, auch in Camp David. Wir haben den Palästinensern praktisch auch alles angeboten. Die Palästinenser wissen, dass die Initiative zu schießen, von ihnen ausgeht. Also müssen sie damit aufhören - ich hoffe, dass sie das auch verstehen.

STANDARD: Ist Ariel Sharon davon überzeugt, dass es keine Alternative zum Frieden gibt?

Peres: Ja. Premierminister Sharon ist wie die meisten von uns auch kein junger Mann mehr. Er hat Erfahrung, er ist intelligent, er ist zum ersten Mal Premier Israels. Ich glaube nicht, dass er seine Amtszeit mit Blut und Krieg beenden möchte. Und deswegen glaube ich, dass er sich letztendlich für den Frieden entscheiden wird.

STANDARD: Was erwarten Sie konkret von den Europäern, insbesondere von den Deutschen?

Peres: Ich habe dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeschlagen, dass die Palästinenser, die Jordanier und wir assoziierte Mitglieder des gemeinsamen Marktes werden sollten, um eine Troika der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu bilden. Das könnte sehr dazu beitragen, dem Frieden im Nahen Osten einen neuen Weg zu eröffnen. (DER STANDARD, Print, 11.5.2001)

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