Causa Lauwens: Belgien bleibt moralisch

10. Mai 2001, 19:45
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Schnell machte sich in Österreich Schadenfreude breit, als der Skandal um Flanderns Innenminister Johan Sauwens ruchbar wurde. Schließlich war es gerade der belgische Außenminister Louis Michel gewesen, der mit seinem massiven Auftreten gegen Jörg Haider und die Regierungsbeteiligung der FPÖ den Nationalstolz vieler Österreicher beleidigt hatte. Doch nun: Seht her, auch im ach so moralischen Belgien gehen hohe regionale Amtsträger gerne zu Waffen-SS-Veteranentreffen.

Zu früh gefreut. Denn in Belgien führen solche politischen Ausflüge ins Braune noch zu Konsequenzen, und zwar zu raschen: Am Samstag hatte Sauwens mit den alten Kameraden gesungen, am Montag wurde dies bekannt, am Mittwoch trat der Minister zurück. Ganz ohne Sanktionsdrohungen aus anderen EU-Staaten. Das Drängen seiner Koalitionspartner genügte.

Belgiens Außenminister Louis Michel konnte aufatmen, musste er sich doch nun nicht mehr um das Ansehen seines Landes in Europa sorgen. Nicht umsonst hat der Außenminister Sauwens' Rücktritt unter dem Hinweis gefordert, dieser habe die europäischen Werte in Zweifel gezogen. Doch obwohl Belgien nun in dieser Hinsicht moralisch wieder eine weiße Weste hat, ist kaum zu erwarten, dass sich Michel so eindeutig äußern wird wie in der Vergangenheit, wenn am Sonntag Silvio Berlusconi und seine rechten Kumpane Umberto Bossi und Gianfranco Fini in Italien die Wahlen gewinnen.

Der Außenminister wird sich vielmehr in Pragmatismus üben. Belgien hat nämlich ab Juli die EU-Präsidentschaft inne: Da würde es den ehrgeizigen Plänen der Brüsseler Regierung zur Reform der Union nur schaden, wenn man es sich durch allzu moralisches Auftreten sofort mit Italiens neuen Machthabern verscherzte. Schlechte Erfahrungen mit einem beleidigten Land hatte Michel ja schon während der Maßnahmen der EU-14 gegen Österreich machen können. (DER STANDARD, Print, 11.5.2001)

Jörg Wojahn
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