Vandana Shiva, Vorkämpferin gegen den Bioimperialismus

10. Mai 2001, 19:26
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Von Markus Bernath

Der Weg vom Dorf am Fuß des Himalayas zum Physikstudium nach Kanada und wieder zurück ist lang und in der Ära der Globalisierung zugleich ganz kurz: Vandana Shiva, die 48-jährige promovierte Quantenphysikerin aus Indien, Ökoaktivistin und Frauenrechtlerin, die nun von der österreichischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit "Horizont 3000" mit dem ersten gleichnamigen Preis bedacht wurde, ist eine von der Tafelrunde der modernen Widerstandskämpfer, eine Galionsfigur der Globalisierungsgegner wie José Bové, der McDonald's-Stürmer aus Südfrankreich, oder Rigoberta Menchù, die Streiterin für die Rechte der Indios: mediengerecht, eloquent und vom humanistischen Ideal beflügelt.

Fast ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Shiva, Vizepräsidentin des Third-World-Networks, eines weltweiten Zusammenschlusses von regierungsunabhängigen Organisationen, den alternativen Nobelpreis erhalten hat. Basisbewegungen indischer Frauen zum Schutz der Wälder im Himalaya hat sie organisiert. Als Gegnerin der Gentechnologie ist sie auf den Plan getreten, die Patentierung von Saatgut durch multinationale Konzerne greift sie nach wie vor als kolossalen Diebstahl an - Gestohlene Ernte, Stolen Harvest: The Hijacking of the Global Food Supply, lautet der Titel ihres jüngsten Buchs: Die Gentechnik zerstöre die natürliche Vielfalt und werde "noch mehr Hunger, Abhängigkeit und Armut" hervorrufen. Auch wichtige Absatzmärkte würden verloren gehen durch die gentechni- sche Gewinnung von Aromen wie etwa Kokos oder Vanille.

Shivas ökophilosophisches Denken hat in den vergangenen Jahren an Kontur gewonnen. "Wir werden Demokratie beharrlich wieder erfinden", drohte sie dieser Tage in einem Interview. "Solidarität" ist ein anderer Schlüsselbegriff für das Engagement gegen das, was sie als die "dritte Kolonisierung" bezeichnet nach der Landnahme durch die Europäer und der "grünen Revolution" der Siebzigerjahre - die Anwendung der Biotechnik in der Landwirtschaft der Entwickungsländer heute.

Ihre Theorie über den Zusammenhang von Ökologie und Feminismus wiederum geht so: Frauen würden als das "zweite Geschlecht" konstruiert und - weil sie anders sind - als "minderwertig" behandelt und an den Rand gedrängt; ganz ähnlich zerstöre das kapitalistische Patriarchat die Artenvielfalt. In der Fortschrittslogik der Männer seien Monokulturen profitabler.

Unabhängiges Denken hat die Inderin - Mutter eines erwachsenen Sohnes - in ihrer Familie gelernt. Shivas Großvater soll in den Hungerstreik getreten sein, um auf dem Land ein College für Mädchen durchzusetzen. Ihre Mutter brachte es zur Schulrätin, der Vater, ein Forstbeamter, nahm sie mit auf lange Wanderungen durch die Wälder des Himalayas. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 11. 5. 2001)

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