"Zuwanderung ertragen"

10. Mai 2001, 18:52
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DER STANDARD fragte Wissenschafter zur von der FPÖ ausgelösten Integrationsdebatte

Wien - "In Österreich wäre ein Integrationsvertrag ein Witz" - August Gächter, Integrationsexperte am Institut für Höhere Studien, hat für den von der FPÖ in Rahmen der Zuwanderungsdebatte im Nationalrat forcierten Integrationsvertrag für Migranten wenig über: "Es ist kurios, wenn man Ausländern jahrzehntelang die Integration verweigert und sie dann von ihnen einfordert." Ausländer haben nur begrenzt Zugang zum Arbeitsmarkt und nur eingeschränkt Anspruch auf Sozialleistungen - es sei daher nicht fair, wenn die FPÖ sie zu Deutschkursen verpflichten wolle.

"Wo sind denn die Deutschkurskapazitäten für die 750.000 Ausländer?", fragt der Bevölkerungswissenschafter Rainer Münz, der Mitglied der deutschen Zuwanderungskommission ist. Er ist wie Gächter der Meinung: "Man muss den Leuten als Gegenleistung etwas anbieten - etwa einen sicheren Aufenthaltstitel oder freien Zugang zum Arbeitsmarkt."

Viel wichtiger als ein Integrationsvertrag sei derzeit eine überparteiliche Zuwanderungskommission für Österreich, sind sich Gächter und Münz einig: Diese solle diskutieren, wie viele Zuwanderer Österreich brauche und welche Bedingungen man ihnen bieten müsse. Denn dass Zuwanderer notwendig sind, ist für beide Wissenschafter klar. Münz formuliert das so: "Eine alternde und schrumpfende Gesellschaft hat wenige Optionen - entweder arbeiten bis 70 oder Zuwanderung ertragen." Diese Erkenntnis erfordere einen "Paradigmenwechsel": Statt Grenzen dicht müsse die Parole "wo bekommen wir Zuwanderer her?" lauten. Für eine Bestandsaufnahme sei die Zuwanderungskommission notwendig.

In der Frage, welche Zuwanderer Österreich brauche, vertreten die Wissenschafter unterschiedliche Meinungen. Gächter argumentiert: "Ich glaube, dass der Mangel an nicht qualifizierten Arbeitskräften größer ist. Zugespitzt ausgedrückt - Österreich braucht weniger Computerprogrammierer als Handlanger für Dachdecker." Münz vertritt die gegenteilige Position: "Der größere Bedarf wird auf jeden Fall bei qualifizierten Arbeitskräften herrschen."

Welche Einschätzung auch richtiger ist - klar ist für beide, dass Österreich für Zuwanderer attraktiv werden müsse. Das Ausländerbeschäftigungsgesetz müsse etwa abgeschafft werden, auf dass jeder, der hier lebt, auch arbeiten darf. Denn Münz sieht eine Gefahr: "Österreich ist derzeit für Hochqualifizierte nicht attraktiv, wir haben nicht das Image des positiv besetzten Einwanderungslandes." Gerade für Hochqualifizierte könne man nicht die Pflichtintegration verlangen, ohne für Rechte zu sorgen: "Je höher qualifiziert Zuwanderer sind, desto selbstbewusster sind sie. Da geht mit wildem Drohungen und wildem Gefummel mit der Faust gar nichts." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

Von Eva Linsinger
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