Putzfetzen und Schraubenschlüssel

10. Mai 2001, 18:53
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Formel 1 in Österreich: Die Welt ist erschaffen und bereit für das erste Training

Spielberg - In der Gegend wimmelt es von Monteuren, was der Wirtin großen Stress beschert. Schließlich liegt Pöls nur wenige Kilometer vom A1-Ring entfernt, die quartiermäßigen Einzugsgebiete überschneiden sich zu einem guten Teil, und auch dort wird montiert, die Papierfabrik wird der jährlichen Revision unterzogen. 400 auswärtige Monteure sind damit beschäftigt, nicht alle sind schon fertig. Und in der Industrie draußen in der Welt gilt dasselbe Motto wie in der Unterhaltungsindustrie namens Formel 1, ein Motto, welches sich vom Abwasch auf der Skihütte prinzipiell überhaupt nicht unterscheidet: Viele Hände, rasches Ende.

Am Freitag steigen die ersten freien Trainings auf dem Ring (11-12 und 13-14 Uhr). Also wurden die letzten vorbereitenden Handgriffe getätigt, und wer Probleme damit hat, seinen Schreibtisch und dessen Umgebung in Ordnung zu halten, dem ist zu raten, sich das einmal anzuschauen. In der Welt der Formel 1 pflegt das Rundherum mit betonter Unaufgeregtheit zu funktionieren, jede Hand kennt ihren Griff, auf dass das überall in der Welt exterritoriale Lager alle zwei Wochen an anderer Stelle sich routiniert in der standardisierten Pracht entfalte. Und sich am Sonntag nach der Vorstellung wieder zusammenklappe.

Den Unterschied macht der Hintergrund

Den Unterschied macht nur der Hintergrund, der ist in der Steiermark gegenwärtig satt grün, könnte natürlich auch weiß sein, denn am Muttertagswochende kann hier entweder der Winter, der Frühling oder der Sommer regieren. Heuer dürfte es sich um den Frühling handeln, gestern war's heiter bis wolkig, es wehte ein leichtes Lüfterl, und die Vorausschauer sagen, dass sich das bis zum Sonntag nicht signifikant ändern wird.

Berge von Computern werden von den Trucks in die Boxen verfrachtet und installiert. Fein säuberlich werden etwa die Schnauzen und die Flügel der Rennautos gestapelt, man braucht eine Menge davon, der Verschleiß ist beträchtlich. Sicherheitshalber haben die Teams bis zu zwölf Triebwerke (je nach Etat) mit, einige davon waren gestern schon zu hören, wenn auch nur am Stand. Zu hören waren auch die Hymnen diverser Länder, schließlich muss auch die Siegerehrung geprobt werden, bei der sowohl für den siegreichen Fahrer als auch für das siegreiche Team das passende Stück gespielt wird. Ein paar Reifen, die sie von Bridgestone oder Michelin beziehen, werden auch aufgeschlichtet und die Heizdecken bereit gelegt. 40 Trockenreifen und 28 Regenreifen darf jeder Fahrer pro Wochenende verwenden.

Tankstellenbau

Große Sorgfalt allerorten, vor allem bei der Errichtung der teameigenen Tankstellen, die von der FIA genauso normiert sind wie die Tankverschlüsse, und die in jedes Auto maximal zwölf Liter Sprit pro Sekunde schießen. Dieser ist bleifrei, entspricht bereits heute jener EU-Norm, die erst 2005 für die gemeinen Tankstellen in Kraft treten wird. Dennoch hat jedes Team Spielraum, muss zehn Liter der FIA spenden, auf dass diese quasi einen Fingerabdruck erstellt. Wem unter der Saison Besseres und doch der Grundnorm Entsprechendes einfällt, muss nur eine neue Probe schicken.

So hat jede der vielen Hände (mindestens 100 mehr oder weniger wichtige bei jedem der elf Teams) ein konkretes Ziel, wobei jene mit den Schraubenschlüsseln, die meist in weißen Handschuhen stecken, zumindest auf den ersten Blick besser dran sind als jene mit den Putzfetzen, denn deren Arbeit endet nie, wenn das Motorhome vorne funkelt, können sie hinten schon wieder mit dem Polieren anfangen. (DER STANDARD-Printausgabe, Freitag, 11. Mai 2001, Benno Zelsacher)

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