Schockieren wie am Schnürchen

30. Mai 2001, 08:00
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Richard Foreman, Veteran der US-Theater- Avantgarde, im STANDARD-Interview

Er ist der Ahnherr des experimentellen amerikanischen Theaters: Der 63-jährige Autor und Regisseur Richard Foreman, der anlässlich der Festwochen erstmals (!) in Wien gastiert, sprach über sein ontologisch-hysterisches Theater mit Stephan Hilpold.


STANDARD: Herr Foreman, gibt es mittlerweile überhaupt noch so etwas wie eine grundsätzliche Gegenkultur?

Foreman: Nicht in Amerika. Es kommen zwar immer wieder jüngere Leute nach, die meisten von ihnen imitieren aber einfach meine Arbeit, die der Wooster Group oder die Bob Wilsons. Ich kenne derzeit keine jungen radikal neuen Kräfte.

STANDARD: 1968 gründeten Sie in New York Ihr legendäres Ontological-Hysteric Theater. Warum wollten Sie in der damaligen Aufbruchstimmung gerade Theater machen?

Foreman: Ich war ein Kind der Upper Class. Damals blickte ich als typischer Snob etwas überheblich auf den Film herab. Im Laufe der Zeit fand ich dagegen, dass in anderen Künsten wesentlich spannendere Dinge geschehen als im Theater.

STANDARD: Warum blieben Sie dann dabei?

Foreman: Im Theater ist es sehr schwierig, eine Art "esoterisches" Programm zu machen. Theater ist dreidimensional, live und - ich würde sagen - dem Leben insgesamt am nächsten. Dichter wie Mallarmé oder Celan hatten andere Medien zur Verfügung. Wenn man aber das in einem kleinen Theater schafft, was diese Menschen mit ihren Worten schufen, dann ist das sehr viel. Dieser Traum hält mich am Theater.

STANDARD: Ihr Stil war von Beginn an sehr laut, sehr grell. Es gab keine Handlung, keine Figurenzeichnung.

Foreman: In den ersten acht bis zehn Jahren waren nach zwanzig Minuten immer nur mehr die Hälfte der Zuschauer im Raum. Mittlerweile geht niemand mehr, auch wenn es vielen sicher immer noch nicht gefällt.

STANDARD: Man sagt, dass sich Ihre Produktionen über die letzten 30 Jahre hinweg nicht sehr veränderten.

Foreman: Natürlich nicht. Jeder Künstler, der einmal seinen Stil gefunden hat, wird ihn variieren, aber nicht unbedingt stark verändern. Die Zuschauer konzentrieren sich zu sehr auf die typischen Merkmale meiner Inszenierungen, die gespannten Schnüre, die vielen Requisiten, und vergessen die allgemeine Entwicklung meiner Arbeit.

STANDARD: Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen Ihres Theaters: Ontological-Hysteric Theater?

Foreman: Wie alles im Leben, ist auch dieser Name im psychoanalytischen Sinn überdeterminiert. Mich haben immer die simplen menschlichen Beziehungen interessiert, wie sie sich im Boulevardtheater des 19. Jahrhunderts herausbildeten. Und das sind im Grunde hysterische Symptome. Gleichzeitig fasziniert mich die ontologische Dimension des Seins, die Suche nach den letzten Dingen.

Wie ich auf diesen Namen stieß, ist allerdings eine andere Geschichte: Als ich im New York der späten Sechzigerjahre für Jonas Mekas arbeitete, sah ich eines Tages ein Poster von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater. Da dachte ich, so einen Namen will ich auch. (lacht)

STANDARD: Manche Kritiker behaupten, dass mit der Entwicklung Ihres Theaters und des Bildertheaters von Bob Wilson experimentelles Theater zunehmend unpolitisch wurde.

Foreman: Das stimmt wahrscheinlich in Bezug auf Wilson. Bei mir selbst würde ich das in einem amerikanischen Kontext abstreiten. Ich will in einem Amerika, in dem ja immer mit diesen unsäglichen Schwarz-Weiß-Bildern gearbeitet wird, meine Zuseher lehren, wie man Ambiguität aushalten kann.

STANDARD: Der Titel Ihrer Produktion Now That Communism Is Dead My Life Feels Empty, die Samstagabend ihre Europa-Premiere feiert, bezieht sich wahrscheinlich genau darauf.

Foreman: Ja. Niemand sollte sich ein Traktat über das Ende des Kommunismus erwarten. Für mich ist der Traum einer Alternative weggebrochen. Mein Stück ist eine Fantasie darüber, wie zwei Leute, die in weltanschaulicher Hinsicht nicht zuordenbar sind, mit dieser Leere in ihnen umgehen.

STANDARD: Sie sind einer der großen Intellektuellen der Theaterszene, Sie lesen bis zu zehn Bücher in der Woche. Muss man viel wissen, wenn man in Ihre Produktionen will?

Foreman: Nein, überhaupt nicht. Ich habe kein Interesse an Menschen, die in mein Theater kommen und hinter jedem Bild eine Chiffre vermuten. Meine Arbeiten muss man erleben, über Einzelheiten sollte man nicht allzu viel nachdenken. Mein liebster Romancier des 20. Jahrhunderts ist übrigens Heimito von Doderer.

STANDARD: Dann werden Sie in den nächsten Tagen auch die Strudlhofstiege besuchen?

Foreman: Habe ich bereits! Als ich zur Vorbereitung für einen Tag in Wien war, um mit Luc Bondy zu sprechen, musste ich sogleich dorthin. Die Strudlhofstiege konnte ich mir nicht entgehen lassen. Doderer arbeitet ja auch hysterisch-ontologisch: Eine Frau geht um die Ecke, und plötzlich fährt ihr der Wind in die Haare. Sie werden bei mir nichts dergleichen sehen, trotzdem ist meine Arbeit ein Echo davon.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

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