Gier und Gewalt in Graz

10. Mai 2001, 21:11
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"Macbeth" von Heiner Müller

Graz - Mit ihrer achten Produktion in der laufenden Saison wagte sich die erfolgreich neu erstandene, nichtsdestotrotz aber krisengeschüttelte Probebühne des Grazer Schauspielhauses an die Interpretation eines Giganten durch einen Giganten: Heiner Müllers Bearbeitung von William Shakespeares Tragödie Macbeth, 1972 in Brandenburg uraufgeführt, erklärt die Triebkraft von Aggression als Kampf um Nähe. Mit einer Hand voll Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich am Rand der Spielfläche ständig in neue Charaktere verwandeln, stellt Regisseur Robert Schmidt das bluttriefende Drama auf die leer gefegte Probebühne. Im Zentrum: eine energiegeladene, hysterische Lady Macbeth, hinter deren Macht- und Mordgier aufgeschobene Lust drängt. Monique Schwitters vibriert als entschlossene, lebenshungrige Frau, die das ungestillte Begehren treibt, Macht und Reichtum an sich zu reißen.

Erotische Kräfte

Ihr entzieht sich Macbeth im Wechselspiel der erotischen Kräfte immer wieder, legt aber gleichwohl alle Entscheidungsgewalt in ihre Hände. Der Schlächter des Königs und Gefährte Banquos im Männerspiel des Kriegs verliert seinen Schlaf durch den ersten großen Tabu-bruch, den stümperhaften Mord an seinem König. Wie die Schlaflosigkeit zur Obsession wird, zur schattenhaften Aggression gegen sich selbst und zum Motor für das Auseinanderfallen seiner Persönlichkeit ist die beeindruckende Leistung von Felix Knopp.

Mit Ausnahme der energiegeladenen Lady, die schwarz und dunkelrot daherkommt, hat Ausstatterin Susanne Maier-Staufen alle - auch die zwittrigen Hexen - in graue Anzüge gesteckt. Als variable Details genügen schottische Schals, Krawatten und Mützen ebenso wie ein Drehsessel, zwei Dolche und eine Badewanne als Requisiten.

Reichlich Blut verbindet sich mit Heiner Müllers lakonischer, poetischer, bisweilen sogar rhythmischer Sprache zu einem dichten Gemälde von Gier, Gewalt und Jämmerlichkeit, dem Saenko Prolic auf der E-Gitarre den kongenialen Sound liefert. Insgesamt eine herausragende Leistung, die auch mit lange anhaltendem Applaus quittiert wurde.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

Von
Beate Frakele

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