Singen und Schluchzen

10. Mai 2001, 21:10
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Oder: Violinkunst als Liebeslyrik im Konzerthaus

Wien - Man hatte früher mitunter das Gefühl, dass er weniger Noten spielt und mehr mit den Noten spielt, dass das Werk für ihn und nicht er für das Werk da ist. Auch konnte man bei Julian Rachlin mitunter den Eindruck gewinnen, dass er mit äußerer Theatralik den Ausdruck herbeigestikuliert, der so nicht hörbar war.

Im Wiener Musikverein reicht allerdings schon ein langsamer Satz, das Adagio aus Beethovens Sonate für Klavier und Violine op. 24, um all diese Eindrücke zu vergessen - Technik und Gestaltung verschmolzen da zu feinsinnigem Gesang. Leise und dennoch präsent: Rachlins Ton scheint am Rande der Stille erst wirklich aufzublühen, ihn zum lyrischen "Tenor" zu machen.

Im Bereich des Dramatischen wirkt sein Ton dann etwas gläsern, der Ausdruck etwas forciert (das Allegro in Mendelssohn-Bartholdys Sonate F-Dur); hier mag es aber auch die starke Präsenz des energisch treibenden Pianisten Itamar Golan gewesen sein, die Rachlin etwas blass aussehen ließ. Dennoch: In Summe ein überzeugendes Beispiel von Reife und Dialogkunst - auch bei Prokofjews Sonate op. 94a.

Violinkunst auch im Wiener Konzerthaus: Thomas Zehetmair interpretierte zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie unter Heinz Holliger Sándor Veress' Violinkonzert - ein sehnsuchtsvoll-virtuoses Werk. Erstaunlich, wie viele Noten auf so einen Abstrich passen. Erstaunlich auch, wie sanft und schluchzend die Saiten klingen können. Auf der Grundlage einer in den ersten Takten definierten Atmosphäre beträchtlicher harmonischer Intensität wird im Violinkonzert ein weiter Bogen gespannt, der sich mit zunehmender Konzentration auf einen Höhepunkt zubewegt. Die viel strapazierte E-Saite scheint bei Zehetmairs gekonntem Spiel eher dunkel gefärbt und klingt sinnlich.

Dann Schumanns Fantasie für Violine und Orchester a-Moll - ein akustisches Erlebnis zum Dahinschmelzen, eine Art Liebeslyrik, lupenrein und mit sanfter Schwermut vorgetragen. Schuberts Symphonie Nr. 7 als Finale: Deren Schroffheiten und Akzentsetzungen wich Holliger nicht aus. Er brachte eine reife, dringliche Deutung zwischen intellektuellem Kalkül und emotionalem Bekenntnis zum Ausdruck.
(tos/henn/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

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