Rabenhof in der Reithalle

10. Mai 2001, 21:08
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Karl Welunschek eröffnet trotz finanzieller Schwierigkeiten eine zweite Spielstätte

Wien - Karl Welunschek steht total unter Strom. Für die Bewältigung seines momentanen Arbeitspensums würde er dringend so etwas wie den 48-Stunden-Tag benötigen. Denn zusätzlich zum Rabenhof, den er unermüdlich drauf und dran ist, in das Zentrum eines anderen trashigen Volkstheaters zu verwandeln, eröffnet Welunschek nun eine neue Spielwiese: die "Rabenhof.Sporthalle" in der Hyegasse 1, nur rund 100 Meter vom Rabenhof entfernt.

Dort, bei der Präsentation der zweiten Spielstätte - es handelt sich um die ehemalige Reithalle der k. k. Krimskykaserne aus dem Jahr 1883, die die Zwischen- und Nachkriegszeit als vergammelnde Sporthalle überstand -, dort lässt der Neointendant im Rahmen einer Pressekonferenz gleich einen Hilfeschrei los: "Die finanzielle Lage ist ziemlich katastrophal. Das Startgeld von rund zwei Millionen Schilling ist verbraucht. Wir hangeln uns ohne Budget weiter. Rund eineinhalb Millionen an versprochenen Sponsorengeldern wurden doch nicht überwiesen, und das ist exakt der akute Finanzbedarf."

Zwar hat Karl Welunschek nach dem Super-Wahlsieg der Sozialdemokraten in Wien alle Chancen, seinen Traum vom Rabenhof mit einem ordentlichen Budget zu realisieren. Doch noch stehen Gespräche mit dem Kulturamt aus. "Es hat geheißen", erinnert sich Welunschek, "macht mal, wir werden sehen, was dabei rauskommt. Und jetzt ist etwas dabei rausgekommen. Es ist uns gelungen, innerhalb von zwei Monaten überregional beachtet zu werden. Die renommierte Süddeutsche Zeitung hat über uns berichtet, wir haben Kritiken in der FAZ, in Theater heute. In Berlin redet man über den Rabenhof in Erdberg." Und jetzt, lässt der Intendant keinen Zweifel, tut dringend Hilfe Not.

Schon Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glücks, mit dem am 17. Mai die Rabenhof.-Sporthalle eröffnet werden soll, war und ist "theoretisch noch immer" gefährdet. "Wir haben Liquiditätsprobleme bei Gagen etwa oder bei Plakatdruckkosten." Das Risiko, in dieser Situation überhaupt noch eine neue Spielstätte anzumieten, erklärt Welunschek damit, dass die Halle gratis ist, lediglich Betriebskosten fallen an: "Aber wir können dort en suite spielen, Geld machen und die Einnahmen erzielen, die wir dringend brauchen."

Dazu dient das Renommierprojekt mit dem Jahresregenten Nestroy, der überall die Kassa klingeln lässt. Doch leider hat sich der vorgesehene Regisseur Gerald Singer am Possenklassiker überhoben, Welunschek musste fliegend übernehmen. Offiziell hat man sich in "beiderseitigem Einverständnis" getrennt. Im Gespräch sagt Karl Welunschek, der selbst ein paar gefeierte Nestroy-Inszenierungen auf dem Konto hat, dass er "die Arroganz nicht versteht, mit der die Jungen an diesen Autor herangehen. Die glauben alle, das ist ein Jux, das macht man mit links und alles natürlich ganz anders als in der Josefstadt oder im Volkstheater. Ein Kritiker hat einmal geschrieben: ,Gott vergibt, Nestroy nie.' Das ist wahr."

Und wie wird der Veteran Welunschek den Nestroy anlegen? "Er wird schmutzig, schrundig, trashig und hinterhältig. Ich werde mich an die Partitur halten, mehr ist nicht notwendig, denn das Stück handelt von Wien, von verfressenen, schändlichen, heimtückischen Intriganten, infamen Verrätern und niederträchtigen, geilen Heuchlern. Es wird ziemlich gemein zugehen. Aus."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

Von
Lothar Lohs

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