Vom Wasser haben wir's gelernt

17. Mai 2001, 22:46
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"Journal des Verschwindens" (XXVIII)

Wir folgen gerne den Sorgen eines Haufens komischer Käuze, die von einer einzigen Idee motiviert erscheinen: dem Film eine Reihe verrückter Entwicklungen zu geben, seltsame Gänge und poetische Blicke", schreibt Le Monde über Otar Iosselianis Film Adieu, plancher des vaches. Iosseliani, 1934 in Tiflis - Tbilisi, korrigierte mein Sohn, der es liebte, immer - geboren, lebt seit der Mitte der Achtzigerjahre vor allem in Paris. In seinem Film taucht Georgien in Paris und Paris in Georgien auf. Es wird viel und laut gesungen, die den Schlössern ihrer Eltern entkommenen jungen Millionärssöhne gehen rasch und aufrecht durch Paris, rasten auf dem warmen Pflaster, betteln, tragen ihre teuren ärmlichen Taschen lieber auf einer Schulter als auf beiden. Sie warnen Hilflosere, die auch ganz gern sorglos herumlungern würden, vor Gangs, geben ihnen Tipps, und es gelingt ihnen vorübergehend, aber rasch, sich als diejenigen zu fühlen, auf die man gewartet hat.

Sentimental sind sie nicht, lassen sich aus halbwegs komfortablen Kellerluken über nächste Schritte beraten. "Die Alte hat eben abgehoben", aber als die sich freundlich und interessiert mit ihnen einlässt, wird sie rasch niedergeschlagen, die Rettungswagen behindern wie in Komm, süßer Tod in zu großer Zahl und gefährlich nah aneinander den Verkehr, absolut bereit, ihn weiter und entscheidend zu verhindern.

In der riesigen elterlichen Wohnung übt ein kleinerer Bruder auf seiner Geige und würde viel lieber Würgegriffe üben. Aber der Großvater weist ihn zurecht, jedem das Seine und zur richtigen Zeit. Ernst spielt er Sarrasate zu Ende, jeder Takt bringt ihn näher an die ersehnte kriminelle Zukunft. Ein Marabu ordnet den Ablauf, klappert laut mit dem Schnabel, während die Mutter Schubert singt: "Vom Wasser haben wir's gelernt: das Wandern".

Aber keiner wandert, alle rasen zielbewusst aneinander vorbei: Der Großvater wird drei Stöcke hoch aus dem Weg geschafft und hätte offensichtlich gern etwas von dem Calvados gehabt, den die Enkel schon gekippt haben. Lust auf anderes ist nicht nur ein Ergebnis, sondern die Voraussetzung für Existenzformen. Vor allem für den, der mit ihnen umgehen, sie parodieren oder sie als ihr Gegenteil begreifen kann. Keine, auch keine cineastischen Dogmen, sondern Witz, Selbstironie und eine Art von Vergnügen, das die Chance hat, in Freude überzugehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 5. 2001)

Das "Journal des Verschwindens" wird nächsten Freitag fortgeführt.
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