"Mensch statt Wall Street im Mittelpunkt"

10. Mai 2001, 16:29
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"Horizont 3000" verleiht Würdigungspreise an Vordenker aus Indien, Uganda und Nicaragua

Wien - Das radikale Konsumdenken der globalisierten Welt ist nach Ansicht von entwicklungspolitisch engagierten Intellektuellen die größte Gefahr nicht nur für die Dritte Welt, sondern für die Menschheit insgesamt. "Ich lebe jeden Tag so, als ob er mein letzter wäre. Und daher trete ich umso vehementer dafür ein, dass in unserer Welt der Mensch im Mittelpunkt steht, und nicht Wall Street!" Das sagte die indische Öko-Feministin Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, im Rahmen eines Pressegespräches zur Verleihung des Würdigungspreises der Österreichischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit "Horizont 3000" am Donnerstag in Wien.

Die Globalisierung gehe vor allem auf Kosten der Ärmsten der Armen, betonte auch der ugandesische Priester John Mary Waliggo, der ebenso wie die nicaraguanische Menschenrechtlerin Myrna Cunningham mit dem Würdigungspreis von Horizont 3000 ausgezeichnet wird.

Nach Angaben von Horizont 3000 beanspruchen 15 Prozent der Weltbevölkerung 79 Prozent aller Ressourcen. Die Globalisierung berge zwar große Chancen, doch die Anzeichen für eine Fortsetzung der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit seien übermächtig, kritisierte Waliggo und forderte zusammen mit Cunningham ein Umdenken in der internationalen Umverteilungspolitik materieller Güter. Shiva prangerte an, dass jährlich über 45 Millionen Tonnen an Lebensmitteln am indischen Subkontinent verderben müssten, weil sie aus Profitgründen nicht in Umlauf gebracht würden.

Cunningham kritisierte vor allem den Begriff der Armut, wie er in der westlichen Welt definiert wird: "Es stimmt nicht, dass wir arm sind, weil wir angeblich keine Ressourcen haben. Wir haben sie. Unsere Armut entsteht, weil wir von der Welt mit ihren weitreichenden Entscheidungen absolut ausgeschlossen sind. Wir müssen aber eine Stimme in diesem Entscheidungsprozess erhalten, der dabei ist, die Welt dramatisch zu verändern!" Ein Argument, dem Shiva viel abgewinnen konnte: "Überall in der Dritten Welt begegne ich Menschen, die resignieren, weil sie chancenlos sind. Sie sagen: 'Wir sind ein überflüssiges Volk in dieser Welt.' Es kann und darf aber keine überflüssigen Menschen geben!"

Mit der Auszeichnung will Horizont 3000 als Nachfolgeorganisation der Vereine Österreichischer Entwicklungsdienst (ÖED), Institut für Internationale Zusammenarbeit (IIZ) und Kofinanzierungsstelle für Entwicklungszusammenarbeit (KFS) gesellschaftspolitische Visionen internationaler Vordenker würdigen und diesen Personen eine Publizität ermöglichen, die sie sonst nicht erlangen könnten. Petra Navara und Robert Zeiner von Horizont 3000 kündigten an, eine entsprechende Veranstaltungsreihe ins Leben rufen zu wollen.

Vandana Shiva ist Gründerin einer Forschungseinrichtung für Ökologie in Indien und erhielt 1993 den Alternativen Nobelpreis. Die Öko-Feministin kämpft gegen die Patentierung von Saatgut durch multinationale Konzerne und setzt sich in zahlreichen Initiativen für die Würdigung der umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen von Frauen für eine nachhaltige Nutzung der biologischen Ressourcen ein.

Myrna Cunningham forcierte in den achtziger Jahren als Leiterin der nicaraguanischen Regionalregierung der Atlantikregion den Dialog zwischen den indigenen Volksgruppen und den Führungskreisen der Zentralregierung in Managua. Die 54-jährige ist heute Rektorin der Universität URACCAN und setzt sich besonders für den Bildungs- und Gesundheitsbereich ein.

John Mary Waliggo ist katholischer Priester und Historiker. Er arbeitete als Mitglied der Verfassungskommission an einem neuen Verfassungsentwurf für Uganda. Der 59-jährige ist Vizedirektor der Kommission für Gerechtigkeit & Frieden der ugandesischen Bischofskonferenz. Für seinen Einsatz zur nationalen Versöhnung erhielt er kürzlich den "Uganda 2000 Peace Award".

Die Verleihung der Würdigungspreise findet am Donnerstag ab 19.00 Uhr im Foyer des Museums für Völkerkunde in der Wiener Hofburg statt. (APA)

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