Grundig schreibt 2000 operativ tief rote Zahlen

10. Mai 2001, 15:13
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Fernsehproduktion wird nach Wien verlagert

Nürnberg - Nur die massive Auflösung von Rückstellungen hat den angeschlagenen Unterhaltungselektronikkonzern Grundig im Jahr 2000 vor roten Zahlen bewahrt. Der operative Verlust habe sich auf 75 Mill. DM (38,3 Mill. Euro/528 Mill. S) nach 55 Mill. im Vorjahr erhöht, sagte Grundig-Finanzchef Günter Moissl am Donnerstag auf der Bilanz-Pressekonferenz in Nürnberg. Durch die Auflösung von Rückstellungen ergebe sich aber ein Überschuss von 1,90 Mill. DM nach 15,35 vor Jahresfrist. 2001 hoffe Grundig, den operativen Verlust im zweistelligen Millionen-DM- Bereich halten zu können.

Grundig bekräftigte erneut, 900 Stellen in Deutschland abzubauen, um das Überleben zu sichern. Aufsichtsratschef und Mehrheitseignentümer Anton Kathrein sagte, Grundig sei für den Minderheits-Einstieg strategischer Partner offen.

Zuversicht

Der am Mittwochabend vom Aufsichtsrat zum Nachfolger des 62-jährigen Vorstandschefs Herbert Bruch ernannte Hans-Peter Kohlhammer zeigte sich zuversichtlich für die Chancen der Sanierung. Die Internationale Funkausstellung in Berlin (IFA) werde ein entscheidender Punkt sein. Hier werde Grundig bereits mit neuen Produkten aufwarten. Der Vorstand soll künftig auf vier von zuletzt zwei Mitgliedern aufgestockt werden.

Im laufenden Jahr werde das Unternehmen und damit auch das Ergebnis durch die Restrukturierung mit rund 100 Mill. DM zusätzlich belastet, sagte Moissl. Im ersten Quartal 2001 habe Grundig einen Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr von zehn Prozent verbuchen müssen. Der operative Quartalsverlust bewege sich in etwa zwischen 22 und 25 Mill. DM. Vorstandssprecher Bruch zufolge könnte Grundig bei einer zügigen Sanierung bereits 2002 wieder einen geringen operativen Gewinn erzielen.

Im vergangenen Jahr hatte Grundig nach eigenen Angaben 77,07 (Vorjahr 69,07) Mill. DM Rückstellungen aufgelöst, davon entfielen 44,17 Mill. DM auf "nicht mehr erforderliche Rückstellungen für Reorganisationsmaßnahmen". Der Umsatz sei um 6,3 Prozent auf 2,84 Mrd. DM gestiegen. 63 Prozent hiervon seien im Ausland erwirtschaftet worden. Für die Verluste machte Bruch bei seinem letzten Auftritt als Grundig-Chef die Schwäche des Euro, den Preisverfall in der Branche und die Knappheit des Angebots bei bestimmten Vorprodukten verantwortlich. Auch die Artikelvielfalt und interne Prozesse seien nicht optimal.

Verlagerung nach Wien

Das von der Unternehmensberatung Roland Berger erarbeitete Sanierungskonzept sieht unter anderem die Verlagerung der Fernsehproduktion von Nürnberg-Langwasser nach Wien vor, wodurch 600 Stellen wegfallen sollen. Zudem sollen Teile des Standorts Bayreuth gestrichen werden. Grundig werde nach eigenen Angaben danach noch etwa 5.000 Mitarbeiter beschäftigen, 2000 davon in Deutschland. Um wieder auf die Beine zu kommen, hat Grundig Moissl zufolge "in der Spitze" einen Liquiditätsbedarf von bis zu 400 Mill. DM.

Ein Bankenkonsortium, zu dem die Deutsche Bank, die Dresdner Bank sowie die HypoVereinsbank und Bayerische Landesbank gehören, solle hierzu einen Kredit von 114 Mill. DM beisteuern. Die Mittel seien gesichert, Voraussetzung sei aber die Zustimmung aller Beteiligten zu den Sanierungsproblemen, sagte Moissl. Bisher verweigert der Betriebsrat die Zustimmung.

Kathrein ließ offen, welche Schritte er ergreifen werde, falls die Arbeitnehmer das Konzept nicht unterstützen würden. Er habe aber den Eindruck, langsam setze sich Vernunft durch: "Es gibt leider keine andere Alternative." Der Rosenheimer Satellitenantennen-Hersteller, der Ende 2000 bei Grundig eingestiegen war, hat nach eigenen Angaben seine Beteiligung auf 89 von bisher 77,5 Prozent erhöht. Zudem besitze er eine vier Jahre laufende Option für die restlichen elf Prozent, sagte Kathrein. Grundig werde "als Gesamtheit erhalten bleiben". Er plane keinen Ausverkauf, sei aber offen für die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern. Dabei sei die Abgabe von Minderheitsanteilen denkbar. (APA/Reuters)

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