Lange Finger in luftigen Höhen

2. November 2001, 10:00
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Neben Bordmagazinen und Zahnbürsten fügen manche Passagiere auch andere Inventarteile ihrem Handgepäck hinzu

Irgendwann ist Nick Cave dann neben B. gestanden. Einfach so. In der Blue Box, einem Szenelokale der ersten Wiener New-Wave-Stunde. B. war ergriffen und brachte kein Wort heraus. Nick Cave: Sänger, Held, Vorbild. Wow. Und neben Nick stand Blixa. Blixa Bargeld: Nick-Cave-Musikant und Kopf der Band "Einstürzende Neubauten". Auch einfach so. Wie ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut. Beide sollen Bier getrunken haben.

"Wir haben Bier getrunken", erzählte B. am nächsten Tag im Schulschwänzercafé. Blixa, B. und Nick - drei Kumpels. Dass es ihm die Sprache verschlagen hatte, hat B. erst ein bisserl später - nach etwa zwei Jahren - zu dem hinzugefügt, was bis dahin "der Abend mit den Bad Seeds" war.

Ein Abend Ende der 80er-Jahre mit Folgen: Theoretisch war ab da kein Flugzeugsessel vor den langen Fingern einiger Twenty-Nothings sicher. Schließlich hatte zumindest Blixa Bargeld seinen damals ranken Leib mit Flugzeuggurten umschnürt.

Nur gut, dass Cityhopping per Flieger damals weniger verbreitet war als heute: Die Gurten waren viel zu leicht zu demontieren. Ein kleiner Karabiner an der Sesselseite - das war alles. Statt des Gurtschlosses öffnete man die Karabiner, hängte die ineinander und verließ das Flugzeug mit einem Gürtel, den es nirgendwo zu kaufen gab. (De facto tauchten in Wien aber gerade eine Handvoll auf.) Die Dinger passten durch kaum eine Gürtelschlaufe und öffneten sich schon beim kleinsten Rempler in irgendwelchen Bars. Aber das war egal: Nick und Blixa.

Ganz isoliert dürften die Wiener Möchtegernflugzeuggürtelklauer mit ihrer epigonalen Großidee nicht gewesen sein: Mitte der 90er-Jahre brachten französische und britische Jungdesigner Gurtgürtel auf den Markt - sie setzten sich nicht durch. Heute finden sich die Dinger gerade noch in Army-Shops. Gleich neben den Schwimmwesten von griechischen Fähren.

Nein, meint die Sprecherin der großen europäischen Fluglinie, sie habe weder Zahlen noch Kenntnis über einen Schwund bei Gurten oder Schwimmwesten. Schließlich, so der Presseoffizier einer österreichischen Airline, gebe es ohnehin jede Menge Give-aways: Bordmagazin, Overnightpacks, Businessclass-Pflegesets und Kinderspielzeug etwa. Aber, wenn man gerade davon spreche, "könnten Sie vielleicht anmerken, dass es nicht nötig ist, die Tafel mit den Sicherheitserklärungen mitzunehmen?" Die Dinger, weiß man auch bei anderen Luftlinien, werden oft als Sammlerstücke betrachtet. "Und wenn die nicht da sind, ist das ein Verstoß gegen internationale Bestimmungen." Ein Anruf, so die Airliner, würde genügen: "Wir schicken die Karten gerne zu." Nein, Gurten und Schwimmwesten könne man auf diese Art aber nicht ordern. Flugzeugkopfhörer auch nicht. "Die funktionieren doch nur in Flugzeugen."

Besteck sei da etwas anderes, aber "sogar bei den beliebten Salz- und Pfefferstreuern aus der Businessclass" (Lauda-Air) halte sich der Abgang in Grenzen. Offiziell. Inoffiziell dürfte das Mitgehenlassen von Luftsilber populärer sein, als es die Airlines zugeben wollen: Denn grundlos hat eine britische Lifestylezeitschrift vor zwei Jahren nicht über mehrere Monate eine Designserie über gestohlenes Flugzeugbesteck ins Blatt gerückt. Die schönsten Löffel, so hieß es, gäbe es bei der Alitalia.

Ein Urteil, dem sich Peter D. nicht anschließen will: Der Wiener Designer und Architekt sammelt seit Ende der 80er-Jahre Flugzeuglöffel. Von einem vom Stardesigner Wolf Karnagel für die Lufthansa bei Zanetti gefertigten Stück bis zu vernickelten Löffeln der polnischen LOT reicht seine Sammlung - und wird ständig größer: "Bekannte und Freunde beliefern mich." Als Dieb fühlt sich D. nicht: Die Qualität der einzelnen Besteckserien variiere extrem - "unabhängig von der Flugklasse. Ich hab' das Gefühl, dass das oft unter Marketing läuft." Interessant sei da nicht zuletzt, dass "auch Fluglinien mit konservativem Auftreten immer wieder modernes Design auflegen."

Ein besonderes Sammlerstück fehlt A. allerdings noch: Die Lufthansa soll vor Jahren einen Löffel mit der Gravur "gestohlen bei Lufthansa" aufgelegt haben. "Von dem", so der Fluglöffelsammler, "höre ich immer wieder - aber der ist anscheinend völlig vergriffen."
Thomas Rottenberg

Eine umfangreiche Sammlung von Flugzeuglöffeln unter Löffel der Lüfte
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