Unschuld mit Vergangenheit

20. Mai 2005, 10:20
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Harald Sicheritz traf beim Streifzug durch Istrien auf auswanderungswillige Binnenländler, gepiercte Monarchisten und viele Rätsel

"Als wir auf hoher See vor Pola waren, ist eine fürchterliche Bora gekommen, und wir sind vom Schleppdampfer abgerissen. Zwei Boote sind sofort gesunken, das mit der Munition und das mit dem Geschütz. Nur unsere Barke, auf der die Mannschaft war, ist noch ein Spiel der Wellen gewesen. Wir waren jeden Moment auf das Sinken gefasst. Es ist schon finster geworden, als wir plötzlich mit einer solchen Wucht auf eine Sandbank aufliefen, dass die Barke sich senkrecht aufgestellt hat und wie eingegossen festsitzt. Nun, was machen wir? Es ist keine Aussicht auf Rettung. Ich und Maurer werden die Strecke an Land schwimmen."

So lautet die Tagebucheintragung des k. u. k. Artillerie-Vormeisters Leopold Sicheritz vom 9. November 1917. Heute nähern sich die Österreicher Istrien in der Regel weniger gefahrvoll aus der nördlichen Gegenrichtung. Sobald der Frühling die ersten Pastellstriche über die alte Kulturlandschaft zieht, dringen sie rasch durchs Kanaltal vor und gönnen dem von Industrien durchwachsenen Triest ebenso wie der slowenischen Enklave um Piran meist nur einen Abstecher. Ihr Ziel ist der große kroatische Teil der Halbinsel, die seit einem guten Jahrhundert von meereshungrigen Binnenländlern heimgesucht wird. Nur die Kriege, wie zuletzt jener um Bosnien, konnten die Abhaltung des jährlichen Rituals verhindern.

Mit dem heurigen Jahr dürften die Ferienhindernisse endgültig ausgeräumt sein. Die Tourismusbetriebe Istriens rüsten auf und beginnen, gestärkt durch den politischen Machtwechsel, sogar die letzten Bastionen der kommunistischen Urlaubsphilosophie einzureißen. Auch wenn es den Plattenbau-Nostalgikern Tränen in die Augen treibt: Zwischen den monströsen Hotelkästen der Ära Tito drängen sich kleinere, buntere Etablissements hervor, die noch trendiger und erlebnistauglicher sein möchten als jene der Großmacht Italien nebenan. Viele vormals staatliche Badeurlauber-Aufbewahrungsanstalten wechseln über Nacht den Besitzer. Der Verkauf der Brioni-Inseln scheiterte bislang nur am kapitalistischen Starrsinn von Benetton, Trump & Co, die das Naturparadies mit absolutem Seltenheitswert partout nur ganz oder gar nicht wollen. Kroatiens Politiker können sich aber die Trennung von der Präsidentenvilla und dem aus Geschenken ausländischer Potentaten bizarr zusammengewürfelten Zoo - noch - nicht vorstellen. Man darf gespannt sein, wie lange ihnen das Repräsentationsdenkmal und Ghaddafis Dromedar wertvoller sein werden als eine kurzfristig mit Dollars gefüllte Staatskasse.

In der Bevölkerung ist bereits jetzt eine Art Goldrausch-Stimmung spürbar, unter anderem kräftig genährt von der Sehnsucht wohlhabender Austriaken nach einem Zweitwohnsitz im ehemaligen Kronland. Eine ständig wachsende Schar von Immobilienmaklern trinkt sich bei euphorischen Verkaufsverhandlungen die Leber hart. Objekte der Begierde sind selten alte Stadtdomizile oder ohnehin kaum verfügbare Strandhäuser, sondern meist bäuerliche Anwesen im Hinterland. "Mir gefällt das Abgeschiedene, historisch Intakte, und zum Meer ist es auch nur ein Katzensprung. Istrien ist das schönere, das unschuldige Italien", schwärmt eine Wiener Galeristin und lädt zu einer Besichtigung ihres alten, aus Stein gebauten Hofes ein. Sie findet das eben erst in aller Feuchtfröhlichkeit erworbene Juwel erst nach längerer Irrfahrt wieder. Das tut der Begeisterung keinen Abbruch.

Istrien ist wirklich schön. Wie so oft erkennen dies schon die alten Römer - das Land wird Teil eines großen Reiches. Slowenen und Kroaten beginnen sich einzunisten. Ab dem Jahr 1000 streckt die Republik Venedig ihre begehrliche Löwenkralle aus, muss aber bald mit den Habsburgern teilen, denen die obere Hälfte irgendwie "zufällt". Die unübersehbar in der Mitte der Halbinsel thronende Bergfestung Montona (heute Motovun) zeugt noch immer von der unfreundlichen Nachbarschaft. Viel später wird dort auch ein gewisser Josef Ressel seinen Dienst tun - als gelangweilter Marine-Forst-Intendant mit nichts als Schrauben im Kopf. Schon lang davor nutzt Österreich das von der Pest gewaltig entvölkerte Istrien als Auffangquartier für Flüchtlinge verschiedenster Nationalitäten. Ein kleingewachsener Korse setzt sich kurz in Szene, dann macht sich die k. u. k. Verwaltung im ganzen Land breit.

"Austria mit Kaiser war beste Zeit", versichert dem Skeptiker nicht eine 100-jährige Matrone, sondern eine junge Verkäuferin mit gepiercter Augenbraue. Und sie ist nicht die Einzige. Hinter der etwas rätselhaften Sentimentalität stehen aber auch nüchterne Fakten: Ab 1866 wird Pola (Pula) zum Hafen der Kriegsmarine ausgebaut, ein Netz von Verkehrswegen angelegt, der Weinbau unter staatlicher Kontrolle hochgezogen. Die Wirtschaft boomt, die Lebensqualität steigt. Die Winzigversion eines Vielvölkerlandes in einem ebensolchen Staat wird erstmals Ziel von Abenteuertouristen. Mit dem Ersten Weltkrieg geht das alles zu Ende. Die Italiener kommen wieder und italienisieren mit faschistischer Härte. Dann wieder Krieg, gefolgt von 46 friedlichen Jahren als Teil der Sozialistischen Republik Jugoslawien.

Was ist davon geblieben? Was ist Istrien heute? Der erkundungswillige Besucher findet im Abstand von wenigen Kilometern verschlafene Bauerndörfer, pulsierende Badeorte, wilde Karstschluchten, sanfte Terrassenhänge und dazwischen Architekturrelikte europäischer Herrscherkulturen.

Deren Torheiten lassen sich zuweilen aufspüren und sind durchaus als "Elferfragen" für Quizfans geeignet. Was war zum Beispiel die scheinbar sinnlos zwischen den Hügeln hinter Parenzo (Porec) in Richtung Triest verlaufende Reihe von Alleebäumen - ohne Straße, dafür in regelmäßigen Abständen von völlig gleich gebauten Häuschen gesäumt? Die "Parenzana", eine stark frequentierte Bahnlinie. Aber wo sind die Schienen? Irgendwo in den Tiefen des Atlantischen Ozeans, im Bauch eines österreichischen Schiffes, das Mexiko erreichen sollte. Als Erzherzog Maximilian dort zum unglücklichen Kaiser gekrönt wurde, wollte man ihm eine Eisenbahn bauen und montierte die Gleise dafür kurzerhand in Istrien ab. Was ist die "Parenzana" heute? Ein Marathon für Mountainbiker auf der alten Strecke.

Aber auch altösterreichischer Schlauheit kann man auf die Schliche kommen. Opatija, um 1900 als "Abbazia" der absolute Hot Spot des adeligen Badetourismus, ist mit seinen bröckeligen Prunkvillen, erhalten gebliebenen Luxusherbergen und der Strandpromenade heute noch sehenswert. Zum Tummelplatz der Könige, Prinzessinnen samt den dazugehörigen Künstlern und Hochstaplern konnte der Ort allerdings erst aufsteigen, nachdem er seinen Anschluss ans Bahnnetz erhalten hatte. Bald darauf wurde das erste Grand Hotel eröffnet - von seinem Besitzer Friedrich Schüler, im Nebenberuf zufällig Direktor der Wiener Südbahn. Jetzt ist es ein Salzburger Unternehmer, der als Erster in Kroatien ein Hotel kaufen durfte. Er machte die vor dem Hafenstädtchen Rovinj gelegene Isola Katarina wieder zu jenem noblen Ferienparadies, das es zu Zeiten des Doppeladlers war.

Wem der Sinn weniger nach entstaubtem Pomp, nackter Haut am Adriastrand oder einem renovierungsbedürftigen Eigenheim steht, dem empfiehlt sich der Aufenthalt in einem "Agroturizmo", der Antwort Istriens auf die heimischen "Ferien am Bauernhof". Mitzubringen ist guter Orientierungssinn (die Höfe stehen meist in der idyllischen Mitte von Nirgendwo), große Tierliebe und ein unerschütterliches Faible fürs Rustikale. Dafür wird man belohnt - mit Zentralheizung, zwanglosem Familienanschluss und Landleben. Letzteres offenbart sich vor allem anlässlich spätnächtlicher Heimkehr. Beim leisesten Geräusch ertönt sofort Gebell aus zahllosen Hundekehlen, orchestriert von Hahnenschreien und Babygebrüll.

Die Erklärung für die auffällig hohe Zahl von langnasigen Kaninen ist eine höchst delikate. Der "istrische Trüffelhund" verdankt seine Zucht einem romantischen Waldstück bei Motovun. Dort werden alljährlich höchst profane Kämpfe um die begehrten Duftknollen ausgetragen. Kürzlich erntete man sogar einen werbewirksamen Eintrag ins "Guiness Buch der Rekorde": 1,3 Kilo wog das weltweit größte erschnüffelte Exemplar. Nicht nur deshalb ist Essen in Istrien ein erfreuliches Kapitel. In den vergangenen Jahren hat sich ein kreatives Nebeneinander von bodenständiger Qualitätskost und innovativ kulinarischen Höhenflügen entwickelt. Die hausgemachten Trüffelnudeln in einem Landgasthaus wie dem "Marino" in Momjan suchen ebenso ihresgleichen wie der Risotto im Käselaib im "Valsabbion", dem führenden Gourmet-Treff der Region.

Der Fortbestand des so gar nicht zeitgemäßen, aber umso originelleren Durcheinanders scheint unsicher. Internationale Hotels, Designerläden und Fastfood-Lokale rasseln bereits laut mit den entsprechenden Ketten, und auch der Ausverkauf von Grundstücken schreit nach einem Konzept. Es erstaunt ein wenig, dass ausgerechnet die istrischen Tourismusmanager am ehesten bemüht scheinen, mehr zu erhalten als ein paar Steinfassaden. "Wir brauchen ausländische Investoren", meint Guido Schwengersbauer, der seit 27 Jahren in Istrien für den Fremdenverkehr zuständig ist. "Aber es muss gleichzeitig gelingen, das Eigene noch stärker zu entfalten." Und beim Integrieren fremder Einflüsse verlässt man sich wohl auf die jahrhundertelange Erfahrung. Diese wird nirgends so deutlich wie in Pula, heute wie seinerzeit ein Marinestützpunkt. Hinter dem römischen Amphitheater ragen die Kräne der Uljanik-Werft in den Himmel. Halbwüchsige streifen mit Gettoblastern durch venezianische Altstadtgassen, um schließlich mit Britney Spears' Stimmchen die Akustik des antiken Augustus-Tempels zu testen.

Am alten Marinefriedhof gibt's noch ein Rätsel zu lösen. Wieso trug der letzte Kommandant der "Viribus unitis" den ziemlich unösterreichischen Namen Janko Vukovic? Weil das Flaggschiff der k. u. k. Kriegsflotte bereits seit wenigen Stunden dem neuen Staat Jugoslawien gehörte, als es von schlecht informierten italienischen Kampfschwimmern im Hafenbecken versenkt wurde.

Dem Artillerie-Vormeister Sicheritz blieb das Schicksal der Donaumonarchie erspart. Er ging nicht unter. Nach zweistündigem Schwimmen im Wintermeer erreichte er das istrische Festland, half bei der Bergung seiner Kameraden, kehrte wohlbehalten nach Hause zurück und zeugte Nachfahren. Seine Barke liegt irgendwo vor Pula auf Grund, inmitten anderer Wracks der Kriegsmarine. Die bekommen neuerdings häufig Besuch - von den Prüflingen einer österreichischen Tauchschule. (Der Standard, Printausgabe)

Infos: Istrien Tourismus, München
Tel. 0049/89/54370 48 / 0,www.istra.com.
Mit Volkskunde und Geschichte beschäftigt sich von 27.5.-14.10. die Ausstellung "Istrien: Sichtweisen" in Schloss Kittsee.
Tel. 02143/2304, www.schloss-kittsee.at
Der Autor: Harald Sicheritz lebt als Autor, Film-und Fernsehregisseur in Wien. Zu seinen neueren Arbeiten gehören die Filme "Hinterholz 8" und "Wanted" sowie die TV-Serien "MA 2412" und "Trautmann".


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