Leitzinsen erstmals seit zwei Jahren tiefer

10. Mai 2001, 18:38
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Europäische Zentralbank überrascht die Märkte mit Senkung um Viertelprozent- Punkt

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag die Leitzinsen in der Euro-Zone überraschend gesenkt. Der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Mindestbietungssatz beim Zinstender werde um 25 Basispunkte auf 4,50 Prozent reduziert, teilte die EZB nach ihrer turnusmäßigen Ratssitzung in Frankfurt mit. Fast alle Analysten hatten dagegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Zinssenkung erwartet. Die Leitzinsen in der Euro-Zone waren seit Anfang Oktober 2000 unverändert. Auch den Zinskorridor für den Geldmarkt senkte die EZB auf 3,50 von 3,75 Prozent für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB (Einlagenfazilität) und 5,50 Prozent von 5,75 Prozent für Übernachtkredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität).

Nachlassenden Gefahren für die Preisstabilität

Der Präsident der EZB, Wim Duisenberg, hat die überraschende Zinssenkung mit nachlassenden Gefahren für die Preisstabilität begründet. Die Inflationsrisiken auf Grund höherer Öl- und Nahrungsmittelpreise seien zeitlich beschränkt, sagte Duisenberg nach der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag in Frankfurt. Im Jahresverlauf würden sich die Einflüsse dieser Sonderfaktoren verringern.

"2002 werden wir wahrscheinlich unter die Toleranzschwelle von zwei Prozent kommen", sagte Duisenberg. Nach Ansicht der Währungshüter wird das Wirtschaftswachstum in der Eurozone weiterhin vor allem durch die Inlandsnachfrage gestützt. Positiv vermerkten sie bei ihrer Entscheidung eine Mäßigung bei der Lohn- und Gehaltsentwicklung. Der EZB-Rat hatte zuvor alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Duisenberg sagte dazu: "Das ist das angemessene Zinsniveau, um Preisstabilität zu wahren."

Überraschung manchmal unvermeidbar

Es ist nicht die Absicht des EZR-Rates, die Märkte zu überraschen, aber manchmal sind Überraschungen eben nicht zu vermeiden, so Duisenberg. Der EZB-Rat treffe seine Entscheidungen auf Grund seiner Analyse und folge auch nicht etwa dem Druck der Märkte, Medien oder der Politik.

Kritische Fragen, denenzufolge diese Zinssenkungen doch in einem Widerspruch zu mehreren Äußerungen von EZB-Ratsmitgliedern stünden, die angesichts einer Inflationsrate im Euro-Raum von knapp drei Prozent die Zeit für eine Zinswende als nicht gegeben bezeichnet hatten, beantwortete der EZB-Präsident nur damit: Im EZB-Rat gebe es nun mal einen Meinungsaustausch und dann komme man zu einem Konsens, der zu dieser Zinssenkung geführt habe.

Abwartende Haltung

EZB-Vertreter hatten zuletzt noch die abwartende Haltung der EZB bekräftigt. Der "Wirtschaftsweise" Juergen Donges hatte kurz vor dem Zinsbeschluss in einem Reuters-Interview gesagt, eine Zinssenkung zum jetzigen Zeitpunkt würde der Glaubwürdigkeit der EZB schaden. Auch sei zu bezweifeln, dass Zinssenkungen die Konjunktur ankurbeln könnten. (APA/Reuters)

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