Der Film als nasses Stück Seife

15. Mai 2001, 16:34
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Steve McQueen, Shootingstar der Kunstszene: Schauen Sie genau hin. Seit 14. Mai

Bei Steve McQueen handelt es sich nicht um den Schauspieler, sondern um einen Shootingstar der Kunstszene, der mit filmischen Installationen unter anderem den Turner-Prize gewonnen hat. Mit dem 1969 geborenen Briten afrikanischer Abstammung bestreitet die Wiener Kunsthalle - aus technischen Gründen erst ab Montag, dem 14. Mai - ihre erste Ausstellung in ihren brandneuen Räumlichkeiten im Museumsquartier. Schauen Sie genau hin.


Ein Auge, ein Mondkrater? Nein, eine Brustwarze im Close-up steht da, zieht sich zusammen, wird von einer Hand manipuliert. Ganz nah dran muss man bei dieser Film-Installation namens Cold Breath stehen, wird ins Bild reingezogen und verliert die Übersicht. Was ja auch die Absicht des Künstlers sein kann. Steve McQueen führt gerne Details (seines Körpers) vor, in äußerster Reduktion, leitet den Blick irre, wobei er die extreme Untersicht bevorzugt - wie auch Rodtschenko gerne seine Motive ablichtete.

Das Blickverstellen ist allerdings ein generelles Merkmal von Künstlern, aber der Brite afrikanischer Abstammung macht dies mit filmischen Mitteln, spielt dabei alle Stückchen und trägt weiter bei zur unscharfen Bezeichnung Kunst-Film/Filminstallation, die derzeit einen wahren Boom erlebt. Schließlich ist der Film das zukunftsweisende Medium, und die so genannten bildenden Künstler wollen sich ein Stückchen davon abschneiden.

Drastische Sprache

Zu seinen bewussten Irritationen meint McQueen, der damit sicher nicht den Film neu erfunden hat: "Ich mache gerne Filme, bei denen die Leute das Gefühl haben, Kieselsteine in der Hand zu reiben, aber gleichzeitig mag ich es, wenn der Film wie ein nasses Stück Seife ist - er entgleitet ihnen. Sie müssen ihre Position an den Film anpassen, das heißt also, der Film sagt ihnen, was sie zu tun haben. und nicht umgekehrt." Das kann so weit gehen, dass McQueen zu drastischen Mitteln greift, wie auf das (Kamera-)Gesicht zu urinieren und somit den Blick einzutrüben (Five Easy Pieces).

Steve McQueen, der in der Kunsthalle Wien gastiert, produziert Kurzfilme, die bis vor kurzem tonlos und schwarzweiß waren, grobkörnig, oft in Zeitlupe, und die quasi exemplarisch eine Situation herausschälen: In Bears kämpft der nackte Künstler mit einem Mann, wobei sich Aggression und Zuneigung die Waage halten, ein Choreographie-Ballett aus Zeitlupenschritten.

Er würde gerne einen Langfilm drehen, sagt der unter anderem am Londoner Goldsmith's College ausgebildete Mann aus dem Brit-Pack, der mit seinen Stücken gerade ein Detail eines guten Kinospielfilms herausarbeitet. Mit der gefeierten Jungautorin Zadie Smith und dem Trip-Hopper Tricky, den McQueen in einer 15-minütigen Session abfilmte (Girls Tricky), soll, so die Fama, tatsächlich der Langfilm Timbuktu entstehen. Hier wird sich zeigen, was McQueen "wert" ist. Denn während ihn die einen - darunter Kapazunder wie Documenta11-Chef Okwui Enwezor - ob seiner "haptischen Visionen" lobpreisen, empfehlen ihn andere als wissenschaftlich adäquates Mittel zur Bekämpfung von Schlaflosigkeit.

Schwupp, Catch!

Doch zurück zur Geschichte des 1969 Geborenen, der bei der documenta X den ersten großen Auftritt hatte, mit einer lapidaren 114-Sekunden-Geschichte: Er warf seiner Schwester die Kamera zu, im Auffangen fixierte sich auch wieder der Blick. Himmel, Gras, Gesicht. Schwupp, Catch. Ein Eyecatcher auch die Paraphrase auf eine Szene aus einem Buster-Keaton-Film, Deadpan (1999).

Eine Hauswand stürzt auf den stoisch dreinblickenden Künstler herab, und ein leerer Fensterausschnitt verhindert die Kollision. Wie ein Filmstudent, der eine Szene aus unterschiedlichsten Winkeln ausprobiert, so dekliniert McQueen diese Szene durch. Eine Kritik an der weißen Filmgeschichte, wie politisch korrekte Kunsthistoriker vermuteten? Das tut ungefähr so weh, wie wenn eine Künstlerin bloß "als Frau" etikettiert wird. McQueens "blackness" thematisierten Exegeten auch bei Drumroll: Hier rollte der Künstler leere, mit Videokameras versehene offene Ölfässer durch Midtown Manhattan, das (weiße) Banken- und Bonzen-Zentrum. Auf jeden Fall ist es eine Großstadt-Symphonie - die als Triptychon-Installation manchmal ins Stocken geratende Bilder und Töne aus drei Aufnahmen kombiniert.

Kein Film würde die 40-Sekunden-Toleranzgrenze beim Zappen durchstehen ohne Fast-Forward-Taste, meinte der Herald: "Warum sollen wir dann stundenlang in einer Galerie in stiller Bewunderung stehen?" In der Welt der schnellen Bilder kennt man scheinbar nur im geschützten White Cube Gnade.

Wie wird die MTV-Gemeinde reagieren, falls wirklich McQueens jüngste Arbeit, Girls Tricky, zumindest ausschnitthaft, dort ausgestrahlt wird? Denn im Gegensatz zu den schwindelerregend flotten Schnitten und Einstellungen richtete der Künstler die Kamera auf den Musiker, der eine 15-Minuten-Performance liefert, einen Track aufnimmt. Schnittlos drehte Tricky-Fan McQueen die Szene ab. "Du bist nirgendwo genau hingegangen, aber Dinge scheinen danach anders", konstatierte der Scotsman. Schauen Sie also genau hin.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2001)

Von
Doris Krumpl

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