"So nahe wie möglich an den Künstler rankommen"

9. Mai 2001, 22:41
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Steve McQueen im O-Ton über seine Arbeit mit Tricky

Steve McQueen über Tricky:
Mit Tricky habe ich mich schon längere Zeit beschäftigt, seit ich ihn mit Massive Attack, einer Popgruppe, mit der er Anfang der Neunzigerjahre zusammenarbeitete, gehört hatte. Danach machte er seine berühmten Soloalben. Ich war von Anfang an Fan. Ich hielt und halte Tricky für eine ganz außergewöhnliche Erscheinung, als Performer, Sänger und Komponist.

. . . über die Radikalität von Tricky:
Mich interessierte Tricky in erster Linie als Musiker. Und zwar als radikaler Künstler, der genau weiß, was er will, und das dann auch ohne Abstriche verwirklicht. In der Popszene sind solche Leute selten. Natürlich im Rahmen gewisser Grenzen - es gibt immer Grenzen. Mehr als alles andere wollte ich, dass in meinem Film die Bilder der Musik begegnen.

. . . über Videoclip-Ästhetik:
Meine Arbeit ist sicher kein polemisches Statement gegen Videoclips. Ich wollte einfach so nahe wie möglich an den Künstler herankommen. Wenn man zehn Leuten dabei zusieht, wie sie die Straße entlanggehen und Tricky ist dabei, dann ist er sicher der Interessanteste von diesen zehn. Er hat dieses gewisse Etwas - genauso wie Marlon Brando oder James Dean -, man weiß nicht, warum.

Tricky verfügt über eine gewisse Spontaneität, die letztendlich auch die Struktur des Filmes beeinflusst hat. Tricky ist jemand, der sich seiner Stimme anvertraut; der versucht, herauszufinden, wohin sie ihn tragen kann. Es ist selten, dass man einem Musiker in Nahaufnahme dabei zusieht, wie er sich auf so sichtbare Weise auf eine stimmliche Performance vorbereitet. Es ist im Grunde kein echter Kameramoment.

. . . über die Dramaturgie:
Tricky machte sein Ding, und ich war mit der Kamera hinterher - so nah wie möglich. Oft zieht er es vor, ohne Licht zu singen, und in einer Nacht war es tatsächlich völlig dunkel. Da war die Kamera natürlich auf verlorenem Posten.

. . . über den "Schauspieler" Tricky:
Er hat die völlige Kontrolle über seine Performance, er weiß genau, was er macht. Er kann immer definitiv sagen, welcher Take bei den Aufnahmen der beste war.

. . . über Seelenverwandtschaft:
Tricky ist für mich eine ganz exzeptionelle Figur. Vor allem auch wegen seiner Karriereentscheidungen. Er war so groß, er hätte U 2 produzieren können. Stattdessen hat er seine Musik weiterentwickelt und sich in immer abwegigere Bereiche treiben lassen. Er ist ein echtes Risiko eingegangen. Tricky betreibt die Popmusik als Forschungsexpedition, der Markt interessiert ihn nicht. Ich hoffe doch, dass es da eine ganz starke Affinität zwischen ihm und mir gibt.

. . . über die Ausstrahlung von "Girls Tricky" auf MTV:
Wir verhandeln derzeit mit der Plattenfirma darüber. Da gibt es wegen der Rechte noch einiges zu klären. Aber es würde mir gefallen, weil dieser Film in allen Punkten der MTV-Optik widerspricht.

. . . über das musikalische Element seiner eigenen Arbeiten:
Ich bin nicht so sehr an dem interessiert, was man sehen kann, sondern mehr an der Versuchsanordnung, an der Achse, um die der ganze Film zirkuliert. Bei Drumroll beispielsweise war die zentrale Idee, dass drei Kameras in einem Ölfass durch New York City rollen. Das war für mich die beste Lösung, um eine ganz bestimmte urbane Situation zu dokumentieren. Alles wurde gefilmt: Die Leute auf der Straße, ich selbst. Alles war perfekt, ich konnte nichts falsch machen. Ich fühlte mich fast wie ein Musiker: Alles, was ich tun musste, war, das Fass am Laufen zu halten, so wie wenn man einen Beat zu halten hat.

Die Zufallspattern, die sich ergaben, wenn Leute die Straße entlanggingen, waren fast wie Improvisationen. Alles, was in den Rahmen hineinrutschte, war okay. Man konnte keine 'Fehler' dabei machen. Alles war erlaubt.

. . . über seine generelle Arbeitsweise:
Ich möchte nicht zu sorgfältig arbeiten. Dinge passieren einfach, und dieses Geschehen sollte Teil des kreativen Aktes sein. Man muss einen Weg finden, diese Situation zu handhaben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2001)

Auszüge aus einem Interview mit Gerald Matt, erschienen im Katalog zur Ausstellung der Kunsthalle Wien.
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