Verdreckte Schaltkreise

10. Mai 2001, 00:26
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Annäherung an den britischen Dancefloor-Extremisten Adrian Thaws alias Tricky

Steve McQueen produzierte mit dem Kurzfilm "Girls Tricky" eine 15-minütige Annäherung an den britischen Dancefloor-Extremisten Adrian Thaws alias Tricky. Ein Kurzporträt des Musikers, der am 1. Juli live beim "Jazzfest Wien" gastieren wird.


"Don't push me, 'cause I'm close to the edge! I'm trying hard, not to lose my head." Die Musik von Tricky klingt nicht nur hochgradig bedrohlich. Sie befindet sich ihrem musikalischen Grundgefüge nach auch ständig in Gefahr, tief nach unten in ein großes schwarzes Nirgendwo wegzukippen. Der Abgrund tut sich hier vor allem hinter den erheblichen Lärmschichten und einem durchgezogenen, existenzgefährdenden Grunddröhnen auf, die der einstige britische TripHop-Mitbegründer (Massive Attack, Portishead . . .) zumindest auf phänomenalen Alben wie Pre-Millennium Tension gewöhnlich den mit Samplingtechnik entstandenen Kompositionen vorlagert.

Hinter all der durchaus präzise auf dem Heimcomputer strukturierten und variierten Art of Noise verstecken sich nämlich nicht nur geradezu melancholische Melodien im Zeichen vom Jazz kommender Blue Notes - von wegen Einsamkeit kennt viele Namen. Hinter den von Sängerin Martina und Tricky, bürgerlich Adrian Thaws, sprechgesungenen Paranoia-, "Fremde Stimmen gaben mir Befehle"-und Flow-of-Consciousness-Texten verstecken sich vor allem auch Rhythmus-Samples, die nicht nur oft innerhalb eines Songs gegeneinander Sturm laufen.

Für einen vom HipHop kommenden Studioproduzenten wie Tricky kann es durchaus als wagemutig bezeichnet werden, von geraden Takten wegzugehen und dies auch noch äußerst brutal und unsauber auf Diskette zu stanzen. Trickys Musik ist ungefilterter Schaltkreisdreck - und das ist positiv gemeint.

Eigentlich geht sich hier nichts wirklich aus, und diese Arbeiten als stimmig zu bezeichnen wäre vermessen. Deshalb ist es umso erstaunlicher, daß Tricky, der Anfang der 90er-Jahre wider Willen mit seinem sperrigen Debüt Maxinquaye den besagten TripHop-Boom mit einleitete, heute über Nebenprojekte wie Nearly God bis herauf zu aktuellen Soloarbeiten wie Juxtapose oder Mission Accomplished aus dem Vorjahr über mehr Bewunderer denn je verfügt. Schattseitige, kurz vor der Auflösung befindliche Songs für Menschen, die sich immer ein wenig verfolgt fühlen. Musik für das neue Jahrtausend.

Der mittlerweile in New York residierende Tricky, der sich zuletzt auf dem besagten Album Juxtapose wieder verstärkt auf seine Wurzeln in der britischen HipHop-Crew The Wild Bunch besann, mit ehemaligen Londoner Unterweltgrößen die Spoken-Word-Platte Product of the Environment produzierte und sein eigenes Label Durban Poison gründete, veröffentlicht im Juli seine neue CD Blowback. Zwar lassen angedrohte Gäste wie Alanis Morrisette oder die unverwüstliche Cyndi Lauper darauf schließen, dass hier wieder einmal versucht werden wird, ein größeres kommerzielles Potenzial als gewohnt auszuschöpfen. Dem düsteren Grundton früherer Tage dürfte dies allerdings keinen Abbruch tun.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2001)

Von
Christian Schachinger

Tricky live:
1. Juli,
Jazzfest Wien,
Sofiensäle,
21.00h
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