Euro macht Entführer nervös

9. Mai 2001, 20:14
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Währungsumstellung erschwert Nutzung von Millionenlösegeldern

Wiesbaden - Der 27. Mai 1997 war für Dieter Zlof ein schwarzer Tag. Der Oetker- Entführer wollte nach seiner Haftentlassung in einer Londoner Bank 12.500 alte Tausend-Mark-Scheine eintauschen - und geriet ausgerechnet an Scheinkäufer von Scot- land Yard: Die Handschellen klickten erneut. Das Beispiel Zlof ist nur ein Fall, bei dem Beute wieder auftauchte. Die Euro-Umstellung kann - wie damals die Einführung der neuen Markscheine - für Entführer und andere Kriminellen zur Falle werden.

"Einzeltäter stehen gewaltig unter Druck", sagt Jürgen Jaitner, Exmitarbeiter des Bundeskriminalamts (BKA), der jetzt für die Wiesbadener Firma ESPO Security Management fahndet. Er sieht bei Fällen mit geringeren Summen Chancen, dass die Umstellung auf den Euro zumindest Einzeltäter nervös machen könnte.

Das Geld aus Kidnapping- Fällen sei schließlich entweder präpariert oder nummeriert - was aufmerksamen Bankmitarbeitern auffällt, wie es beim Bundesverband deutscher Banken heißt. Dies wurde auch den beiden Tätern, die 1971 den Millionär Theodor Albrecht (Aldi) entführten, zum Verhängnis. Die Hälfte der umgerechnet 49,2 Mio. Schilling (knapp 3,6 Mio. Euro) umfassenden Beute ist allerdings nie wieder aufgetaucht. Auch die Millionenlösegelder aus anderen spektakulären Fällen wie die Entführung des Springreiters Henrik Snoek (1976) oder jene der Kinder des Drogerie-Filialisten Schlecker (1989) sind bis heute zumindest teilweise verschwunden.

Die Täter mit kriminellem Netzwerk (wie Reemtsma-Entführer Thomas Drach) werden sich aber wenig von der Währungsumstellung 2002 beeindrucken lassen und bringen ihr Geld außerhalb der EU in Sicherheit. "Die lachen darüber", meint Jaitner, der maßgeblich an der Drach-Fahndung beteiligt war.

"Russen-Mafia"

Fünf Jahre nach der Entführung des Millionärs ist nur ein Bruchteil der 221 Millionen Schilling (15,3 Millionen Euro) umfassenden Beute wieder aufgetaucht. Rund 13 Millionen Mark (91,5 Mio. S oder 6,65 Mio. €), vermutet Jaitner, sind längt in Osteuropa gewaschen, in den Händen der russischen Mafia und werden irgendwann wieder nach Deutschland fließen: "Das kommt auf jeden Fall zurück."

Dass ein Entführer mit registrierten Noten - dem Originallösegeld - zur Bank geht und dort in die Falle tappt, ist demnach eher unwahrschein- lich. Wenn Geld aus Entführungen nach Deutschland kommt, wird es früher oder später bei den Banken eintreffen, meinen Experten. Wie solches Geld erkannt wird, will die Bundesbank nicht verraten - um den Kriminellen keine Anleitung zu geben.

Anders als bei der Umstellung von den alten auf die neuen Scheine bleibt beim Euro-Umtausch viel Zeit. Die DM-Scheine verlieren nie an Gültigkeit, könnten aber irgendwann auffallen, wenn der Euro die Mark allgemein abgelöst hat. Wer bis dahin sein "heißes Geld" nicht losgeworden ist und sich nervös machen lässt, könnte in die "Oetker-Falle" tappen: Aus Dieter Zlofs Beute ist auch ein Teil im Versteck vermodert. (dpa)
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2001)

von Caroline Bock
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