Von Buchhaltern des Todes

9. Mai 2001, 23:53
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Erkki-Sven Tüürs Oper "Wallenberg" in Dortmund uraufgeführt

Dortmund - Es wird wieder nachgedacht über die jüngste Geschichte: Nach Peter Ruzickas Celan in Dresden ist nun am Dortmunder Theater die zweite Oper über eine Episode aus der Nazizeit entstanden. Wallenberg von Erkki-Sven Tüür erzählt das Leben eines schwedischen Diplomaten, der über hunderttausend Juden in Budapest vor der Abschiebung in die Konzentrationslager retten konnte.

Dass sich Roul Wallenbergs Spur ausgerechnet in einem sowjetischen Gulag verlor, wo er 1947 aus nie geklärten Gründen verstarb, macht seine Biografie nur noch schillernder. Dennoch hütet sich Dramatiker und Librettist Lutz Hübner davor, eine plane Heldengeschichte zu erzählen. Vor allem im zweiten Akt versucht er, die posthume Mythologisierung Wallenbergs durch eine Verdoppelung der Figur zu problematisieren.

Allerdings gelingt es ihm nicht ganz, vom Gestus seiner Theaterstücke abzurücken: Viel zu ausführlich sind die Dialoge, viel zu wenig Rätsel lassen sie offen für die Musik. Ein routinierter Opernkomponist hätte wohl zur Kürzung der großen Textmenge bewogen, aber Erkki-Sven Tüür ist selbst ein Opernneuling. Mit Singstimmen zwar durch Oratorien und Messen bereits vertraut, ist der estnische Komponist bislang vor allem durch folkloristisch angehauchte Instrumentalkompositionen bekannt geworden, die ein diffuses Nordlicht entzünden.

Diesen Schleier des Mystizismus hat Tüür hier bis auf wenige Anfangstakte gänzlich zerrissen, um stattdessen rhythmische Elemente hervorzukehren, die ihren Ursprung wohl im Orffschen Perkussionsensemble haben. Allerdings bleibt der Gestus des von hellen Tamtams und perlenden Marimba- und Vibraphonklängen dominierten Instrumentalsatzes zwei Stunden lang gleich:

Sechzehntel verknappen sich über Quintolen und Sextolen bis auf Zweiundreißigstel, was der Oper einen bohrenden Charakter verleiht. Das hilft der Schilderung einer zermürbenden Bürokratie, bleibt aber flach, wenn es gilt, so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Wallenberg (Hannu Niemelä) und Eichmann (Thomas Mehnert), der den Schweden als Verhandlungspartner trifft, musikalisch zu charakterisieren.

Einen ähnlich vcrschwommenen Eindruck hinterließ die Inszenierung von Philipp Kochheim in dem düsteren Einheitsbild von Peter Schulz: Meterhoch türmen sich verschiebbare Regalwände, in denen Aktenordner geschlichtet sind. Mitunter zieht einer von Eichmanns Buchhaltern des Todes einen Ordner aus den Regalen. Ein kafkaeskes, durch Licht dennoch variantenreiches Bild, das im Finale sogar das Ambiente für eine Musical-ähnliche Szene abgibt, als Ronald Reagan posthum die US-Ehrenbürgerschaft an Wallenberg verleiht.

So wenig die gezogene Parallele zum Rummel um Lady Di einleuchtet, so harmlos bleibt auch die zaghaft mit Varieté-Elementen kokettierende Musik. Am engagiert spielenden Philharmonischen Orchester Dortmund (Dirigent: Alexander Rumpf) lag es nicht, dass sich hier trotz Brechtscher Züge nicht ein bissiges Lehrstück über verfehlte Weltpolitik entwickeln konnte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2001)

Von
Reinhard Kager

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