Eine Arisierung: "Die Akte Joel"

10. Mai 2001, 11:52
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Nach längerem Zögern im ORF: Doku über Alexander und Billy Joels Großvater und das Unternehmen Neckermann

Über den Umgang mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte: Wie aus dem Versandhandel Joel, den der Großvater von Alexander und Billy Joel gegründet hatte, das Unternehmen Neckermann wurde: Eine preisgekrönte Dokumentation über diese prototypische Arisierung wird nun, nach längerem Zögern, vom ORF gesendet.

Im Sommer 1998 drehte Beate Thalberg, Redakteurin beim ORF, für Treffpunkt Kultur ein Porträt über den jungen Dirigenten Alexander Joel, der eben vom Stadttheater Klagenfurt engagiert worden war und einen weltberühmten Halbbruder hat: den Popstar Billy Joel. Im Zuge der Dreharbeiten stieß sie auf ein altes Foto, das eine Fabrik zeigte, und begann sich für die Geschichte der Familie zu interessieren, die eine geradezu prototypische für das 20. Jahrhundert in Deutschland zu sein schien.

Thalberg bot ihre Idee, eine Dokumentation über die Joels zu drehen, Rudi Dolezal und Hannes Rossacher (DoRo) an, die sich für das Projekt sofort begeistern ließen. Im Frühjahr 2000 war der aufwendig recherchierte Film fertig gestellt. Aber die Fernsehanstalten in Deutschland und Österreich zeigten – im Gegensatz zu ausländischen Festivals – kein wirkliches Interesse, Die Akte Joel zu senden, die am 30. April bei der Verleihung der Goldenen Rosen in der Kategorie "Arts and Specials" den Spezialpreis der Stadt Montreux erhielt. Erst jetzt, am 25. Mai, strahlt der ORF sie aus: In der Reihe Brennpunkt, spätabends um 21.20 Uhr.

Die Akte Joel ist zwar ähnlich gelagert wie Tausende andere Arisierungsfälle, die nach dem Ende des Dritten Reichs nicht wirklich aufgearbeitet wurden. Sie ist jedoch mit einem ganz besonderen Namen verbunden: mit Josef Neckermann, dem Kriegsgewinnler, dem Kapitän des deutschen Wirtschaftswunders (der 1976 Pleite machte) und dem umjubelten Springreiter, der sechs olympische Medaillen erringen konnte.

"J" für Judengut

1928 hatte Karl Amson Joel, der Großvater von Alexander und Billy Joel, in Nürnberg nach US-Vorbild einen Textilversandhandel gegründet, der sich überraschend gut entwickeln sollte: Schon nach wenigen Jahren war der Name Joel in ganz Deutschland ein Begriff. Doch dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht, und Julius Streicher, Gauleiter von Nürnberg, beginnt, in dem von ihm herausgegebenen Der Stürmer gegen Joel zu hetzen, der als "Verbrecher" und "Todfeind der Deutschen" bezeichnet wird.

Um der Kampagne nicht länger ausgesetzt zu sein, übersiedelt der Unternehmer 1934 mit Meta, seiner Frau, und seinem Sohn Helmuth nach Berlin, wo er vier Fabriketagen mietet. Das Geschäft floriert wieder: 1937 setzt Joel eine Million Reichsmark im Monat um. Doch plötzlich stellen "arische" Geschäftspartner ihre Lieferungen ein, und die Pakete an die Kunden müssen mit einem "J" für "Judengut" bestempelt werden.

Im Sommer 1938 gibt Karl Joel auf: Er verkauft seine Firma an Josef Neckermann, der bereits 1935 zum Ariseur des Warenhauses Ruschkewitz geworden war. Beziehungsweise: Er hat die Firma Josef Neckermann zu überlassen – denn vom ausgehandelten Kaufpreis (2,3 Millionen Reichsmark), der nur ein Fünftel des tatsächlichen Wertes darstellt, erhält Joel nichts. Mit seiner Familie muss er fliehen: über die Schweiz, Frankreich, England, Kuba nach New York, wo er schließlich ein Geschäft für Haarschleifen eröffnen wird.

Der Ariseur hingegen, der sich in der Villa der Joels breit macht (und die Renovierungskosten dem Verfolgten in Rechnung stellt), macht groß Karriere: Er gehört zum "Speerschen Kindergarten", der unter Albert Speer die Rüstungsindustrie anführt, erhält den Auftrag, drei Millionen Winteruniformen für den Russland-Feldzug zu produzieren und lässt die Juden im Getto von Lodz nähen. Nach dem Weltkrieg – der Wiedergutmachungsprozess dauert acht Jahre – entschädigt er Joel, der um sein Lebenswerk gebracht wurde, mit zwei Millionen Mark.

Die Familie erhielt ansonsten nichts zurück: weder die Villa noch die Möbel oder die Kunstsammlung. Alexander Joel, der seine Kindheit in Wien verbrachte und seit 1990 wieder hier lebt (wie auch sein Vater Helmuth, der sich seit der Emigration in die USA Howard nennt), will aber nicht prozessieren. Denn die Geschichte sei für seine Familie abgeschlossen. "Es gibt wichtigere Sachen im Leben als Geld", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Zum Beispiel die Kunst: Ab dem Herbst ist er als Erster Kapellmeister an der Oper in Düsseldorf engagiert. Aber er wird auch in Zukunft in Klagenfurt und an der Volksoper dirigieren: "Ich habe zwar einen britischen Pass, aber in meiner Seele bin ich diesem Land verbunden. Wien wird mein Lebensmittelpunkt bleiben."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 5. 2001)

Von

Thomas Trenkler

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