Räuber warnten vor sich selbst

9. Mai 2001, 21:20
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"Klassische Räuber" überfielen Hofer-Filiale

Vor fünf Jahren ist in Wien eine Hofer-Filiale ausgeraubt worden. Heute werden den acht Geschworenen die zwei mutmaßlichen Täter vorgestellt: Erich und Friedrich, zwei Herren über fünfzig, zwei Unverbesserliche. Insgesamt haben sie es auf 26 Vorstrafen und 25 Jahre Gefängnis gebracht. Raub ist an sich ihre Spezialität. Aber der Hofer im Februar 1996? - Da sagen sie Nein. Das wollen sie beim besten Willen nicht gewesen sein.

Die Verteidiger teilen diese Meinung. "Das ist nicht seine Handschrift", heißt es über Erich. "Meiner ist eher ein klassischer Räuber", erfährt Friedrich über sich: "So einer mit Maske, wie das früher üblich war."

Nun, beim Hofer klopften zwei unmaskierte "verdeckte Fahnder" nach Geschäftsschluss an die Tür und erbaten Einlass. Einer zeigte seine Kokarde her, der andere führte ein Funkgerät mit. "Wir haben einen Tipp bekommen, dass hier ein Raub passieren soll", sagten sie und täuschten Sicherheitschecks vor. Die sechs Verkäuferinnen schöpften keinen Verdacht. "Beim Hofer ist man darauf gedrillt zu arbeiten, nicht zu denken", sagt Frau Brigitte heute. (Sie arbeitet nicht mehr dort.)

Jedenfalls änderten die Polizisten ihre Warnung plötzlich dahingehend, dass sie selbst die Räuber waren. Mit einer halben Million Schilling verließen sie das Kaufhaus. Vor einigen Monaten fand man bei Erich, der gerade freigegangen war, die Polizei-Konkarde. Er sagte, er hätte sie von Friedrich (der gerade freigegangen war) geschenkt bekommen. "Wozu braucht man das?", fragt die Richterin: "Für Fasching?" - "Nein, für Kreditgeschäfte", erwidert Erich. "Sie meinen, ein Polizist kriegt leichter einen Kredit?", fragt die Richterin. "Wir sind keine Unschuldslämmer", gesteht Friedrich. Geplant waren ein paar kleine Gaunereien.

Beim Hofer merkt man sich Gesichter: Frau Sabine erkannte Friedrich "zu 99 Prozent" sicher. Frau Brigitte gibt Erich "95 Prozent" Täterwahrscheinlichkeit. Den Geschworenen genügte das: Elf Jahre Haft für den einen, zehn Jahre für den anderen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2001)

von Daniel Glattauer
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