Der Markt in der Steckdose - Von Eric Frey

9. Mai 2001, 19:17
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Die Stromliberalisierung am 1. Oktober macht das Leben billiger - und komplizierter

Vor kurzem war die Welt der Energie noch in Ordnung. Strom kam aus der Steckdose, und dies zu jeder Tageszeit. Brave Kleinverbraucher wurden mit günstigen Tarifen belohnt, rücksichtslose Prasser mit hohen Kosten bestraft. Wem die alljährlich ins Haus gestellte Rechnung zu hoch war, der hatte nur eine Möglichkeit: Licht abdrehen und Fernseher ausschalten.

Doch mit dem Anbruch der totalen Liberalisierung am 1. Oktober ist dies vorbei: Ebenso wie beim Telefon, wo Schnäppchenjäger ihre Nächte mit komplizierten Tarifvergleichen verbringen können, kann der Kunde in Zukunft zwischen verschiedenen Anbietern und Tarifmodellen wählen. Stromrechnungen werden dadurch für die große Mehrzahl der Kunden niedriger, doch auch komplizierter.

Schreckensszenario

Wohin eine verfehlte Deregulierung führen kann, erlebt man derzeit in Kalifornien, wo Stromunterbrechungen bereits zum Alltag gehören. Ursache dafür ist vor allem die Tatsache, dass die Preise trotz Liberalisierung künstlich niedrig gehalten wurden. Aus Umweltgründen wurden keine neuen Kraftwerke gebaut, und als der Stromverbrauch aufgrund des Wirtschaftsbooms alle Erwartungen übertraf, waren die beiden größten kalifornischen Stromversorger bald bankrott.

Dieses Schreckensszenario wird sich in Europa kaum wiederholen. Es gibt in den meisten Ländern genügend Kraftwerkreserven, und die Politiker haben aus Amerikas Fehlern gelernt. Aber auch wenn der Strom ununterbrochen fließt, führt die von der EU vorgegebene und von Österreich musterschülerhaft umgesetzte Liberalisierung bei vielen Menschen zu Unbehagen: Ist Strom wirklich eine Ware wie jede andere, die auf dem freien Markt gehandelt werden soll?

Für die Wirtschaft ist die Antwort klar. Der regulierte, überhöhte Strompreis in Österreich galt jahrzehntelang als massiver Wettbewerbsnachteil, der erst durch die Öffnung des Strommarktes für große Unternehmen vor zwei Jahren ausgeglichen wurde. Sobald sich diese ihren Anbieter selbst aussuchen konnten, purzelten die Preise und stiegen die Gewinne.

Vorteile überwiegen

Auch für die Haushalte überwiegen die Vorteile. Die Politik hat dafür gesorgt, dass niemand für seinen Strom mehr zahlen muss. Aber Geld ersparen werden sich vor allem jene, die überdurchschnittlich viel verbrauchen und Übung im intelligenten Einkauf haben. Das betrifft vor allem Besserverdiener mit Kindern. Wer sich wegen weniger Hundert Schilling im Jahr nicht der Mühsal von Preisvergleichen und Vertragsänderungen unterziehen will, der kann bei seinem gewohnten Landesversorger bleiben und wird dennoch ein wenig vom allgemeinen Preisverfall profitieren. 80 Prozent der Österreicher werden wohl diesen einfachen Weg wählen.

Der größte Verlierer ist die Politik: Sie verzichtet auf einen Teil ihres energiepolitischen Gestaltungsspielraumes. Nur wenige werden es bedauern, wenn der Landeshauptmann ausgediente Parteifreunde nicht bei seinem Landesversorger versorgen kann. Schwieriger ist der Abschied von den sozialen und umweltpolitischen Steuerungsmechanismen durch die bisherige Strompreisstaffelung. Die neuen Modelle, nach denen Elektrizität bei mehr Verbrauch billiger wird, entsprechen zwar der Kostenwahrheit, aber nicht unbedingt der herrschenden Moral. Wenig ändert sich für Kunden, die sich vor Atomstrom fürchten: Auch jetzt fließt Energie aus Europas AKW direkt in unsere Steckdosen.

Aber mit 1. Oktober zieht auf dem heimischen Energiemarkt nicht der blanke Manchester-Kapitalismus ein. Die Liberalisierung wird von einem mächtigen Regulator gesteuert, der für niedrige Preise, eine lückenlose Versorgung, faire Spielregeln zwischen den Anbietern und einen möglichst reibungslosen Übergang in das neue System zu sorgen hat. Auch in einem freien Strommarkt in Europa lassen sich grüne Energiequellen fördern, Verschwendung bekämpfen und soziale Härtefälle abfedern. Für die Politik bleibt genug zu tun. (DER STANDARD, Printausgabe 10.5.2001)

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