Treuhänder warnen vor uneingeschränkter Haftung

9. Mai 2001, 18:55
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Passus im geplanten Finanzmarkt- Aufsichtsgesetzt könnte verheerende Folgen für Unternehmen haben

Wien - Ein kleiner Passus im geplanten Finanzmarktaufsichtsgesetz könnte nach Meinung der Kammer der Wirtschaftstreuhänder verheerende Folgen für Österreichs Unternehmen haben. Justizminister Dieter Böhmdorfer will in dem Gesetzesentwurf, der derzeit noch in Begutachtung ist, eine unbegrenzte Haftung für Wirtschaftsprüfer bei grober Fahrlässigkeit einführen. Dies gelte derzeit schon für Anwälte ebenso wie für Abschlussprüfungen im angelsächsischen Raum und sollte fehlerhafte Prüfungen wie jene der Riegerbank vermeiden helfen.

Derzeit ist die Haftung für Abschlussprüfungen bei fünf Mio. S (363.364 EURO) begrenzt, für Fälle leichter Fahrlässigkeit soll sie auf eine Mio. EURO (13,76 Mio. S) bei normalen und auf vier Mio. EURO bei börsennotierten Unternehmen angehoben werden.

Mit der Anhebung kann die Kammer leben, nicht aber mit der unbegrenzten Haftung, sagt Alfred Brogyanyi, Geschäftsführer der Europatreuhand/Ernst & Young und Vizepräsident der Kammer, im STANDARD-Gespräch. Eine objektive Abgrenzung zwischen leichter und grober Fahrlässigkeit sei nämlich in der Praxis kaum möglich. Und da sich Wirtschaftsprüfer gegen eine unbegrenzte Haftung nicht versichern können, müssten sie sich dadurch absichern, dass sie in Zukunft geprüften Unternehmen keine uneingeschränkten Bestätigungen (Testate) mehr gewähren.

Benachteiligung

Dies aber, so Brogyanyi, würde heimische Firmen gegenüber ausländischen Konkurrenten benachteiligen, die von ihren Wirtschaftsprüfern sehr wohl uneingeschränkte Testate erhalten. In Deutschland gebe es etwa nur eine Kategorie der Fahrlässigkeit, bei der die Haftung gedeckelt sei.

Das angelsächsische Modell wiederum sei unvergleichbar, weil dort die Wirtschaftstreuhänder eine ausführliche Meinung ("Opinion") verfassen können, wo auf alle besonderen Umstände der Prüfung eingegangen werden könnte, sagt Brogyanyi. Bei Testaten nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) aber seien keinerlei Zusätze dieser Art möglich, ohne das Zeugnis zu entwerten. Doch Abschlussprüfungen seien von Natur aus nur Stichprobenprüfungen, weil man nicht jeden einzelnen Geschäftsvorfall einzeln untersuchen könne.

Wenig Unterstützung erhalten die Treuhänder von der Wirtschaftskammer. Ihr rechtspolitischer Leiter, Hanspeter Hanreich, verweist auf weitgehende Haftungen, denen Unternehmen ausgesetzt sind und gegen die man sich doch versichern könne. "Ich stelle mir vor, dass auch die Wirtschaftstreuhänder Mittel finden werden, dieses Risiko zu managen", sagt er.

Brogyanyi tritt für eine völlige Reform des HGB nach angelsächsischem Muster ein. Wenn ausführliche Erklärungen im Abschlussbericht möglich sind, dann sei eine unbeschränkte Haftung akzeptabel. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe 10.5.2001)

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