Lieferant übernimmt Papierkram

9. Mai 2001, 17:46
posten

Kunde muss nur Ummeldung und Bankeinzug unterschreiben

Um die Haushalte zu einem Wechsel zu bewegen, versprechen die Stromfirmen, möglicherweise anfallende Wechselgebühren zu übernehmen und die bürokratischen Details zu regeln. Geht es nach der Regulierungsbehörde, soll ein Umstieg gebührenfrei sein, die Kündigungsfrist soll acht Wochen betragen.

Kunden müssten also bis Ende Juli ihrem jetzigen Versorger kündigen, um am 1. Oktober im völlig liberalisierten Strommarkt bei einem neuen Stromlieferanten unter Vertrag stehen zu können. Schon jetzt können Kunden aber einen Vertrag mit einem der neuen Anbieter schließen, vorerst aber nur per Internet, ab dem Sommer soll der Wechsel auch offline möglich sein. Der Umstieg soll ohne viel Bürokratie über die Bühne gehen. Die Anbieter versprechen, dass die Privatkunden für den Wechsel nur den Vertrag und den Bankeinzug unterschreiben müssen. Mitbringen müssen sie lediglich ihre letzte Stromrechnung, um Ab- und Neuanmeldung wollen sich die Anbieter selbst kümmern.

Wechselwillige Kunden sollten neben dem reinen Preisvergleich auch die Zusatzleistungen unter die Lupe nehmen, etwa die Zahl der Rechnungen. Mit der Liberalisierung wird es nämlich zwei getrennte Rechnungen geben, eine für Energie und eine für die Transportkosten, die so genannte Durchleitungsgebühr, die der Netzbetreiber kassiert. Ab Oktober wird der Preis für die reine Stromlieferung getrennt von den sonstigen Entgelten ausgewiesen. Während ein "Switch"-Kunde für den Strom und die Netznutzung zwei getrennte Rechnungen einzahlen muss, verspricht der Konkurrent Raiffeisen Wasserkraft nur eine Rechnung pro Quartal.

Branchenfremde Vertriebsstrukturen

Um neue Kunden an Land zu ziehen, setzen die Stromunternehmen auch auf branchenfremde Vertriebsstrukturen. So hat der Verbund über die Raiffeisen-Organisation nicht nur Zugang zu den Lagerhäusern, sondern will den Strom auch über die Raiffeisen-Banken an den Mann bringen.

Der Konkurrent Switch setzt dagegen auf die Elektrohandelskette Cosmos/Köck. Ansprechpartner für wechselwillige Konsumenten ist ein eigens geschulter Mitarbeiter in der Haushaltsgeräteabteilung. Verhandelt wird auch darüber, dass Trafiken und Tankstellen zu nebenberuflichen Energiehändlern werden.

Derzeit noch Zukunftsmusik sind in Österreich die etwa in England schon üblichen Stromautomaten an der Straße: Die Haushalte bekommen einen neuen Zähler mit Lesegerät montiert und tanken Strom wie beim Handy über eine Chipkarte.

Ohne Mascherl

Nichts ändern wird die Liberalisierung bei der Stromaufbringung. Wenn einzelne Erzeuger Garantien für Ökostrom oder Strom aus Wasserkraft abgeben, können sie nicht sagen, ob die Energie nicht aus Atommeilern oder aus kalorischen Kraftwerken (befeuert mit Öl, Kohle oder Braunkohle) stammt. Die Ursache dafür ist eine pysikalische: Die Lieferanten können nämlich nicht definieren, wo ein Kilowatt produziert wurde, weil es physikalisch unmöglich ist, im europäischen Netzverbund zwischen Strom aus Wasserkraft und Atommeilern zu unterscheiden. Strom hat kein Mascherl, hinter dem Etikett Grünstrom kann sich also Atomstrom verbergen, ohne dass dies der Kunde bemerkt oder beeinflussen könnte. Das wissen nur die Stromfirmen, indem sie in die Lieferverträge mit anderen Erzeugern hineinschauen. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 10.5.2001)

Share if you care.