Singen mit Flanderns alten SS-Kameraden

11. Mai 2001, 15:14
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Innenminister der belgischen Region Flandern John Sauwens tritt zurück - Anlass war ein Amateurvideo

Brüssel - Den Ausschlag gab schließlich ein Amateur-Video: konfrontiert mit dem Filmmaterial über seine Teilnahme an der 50-Jahr-Feier des "Sint-Maartensfonds", einer belgischen Organisation ehemaliger Waffen-SS-ler, musste Johan Sauwens Mittwoch Abend als Innenminister der belgischen Region Flandern seinen Hut nehmen. Zu Mittag hatte er noch vor dem Parlament beteuert, "ich bin kein kleiner Nazi". Es war ein kurzer politische Kampf. Erst am Montag von einer Zeitung ins Rollen gebracht, kostete die Affäre Sauwens bereits zwei Tage später sein Amt.

Der "Morgen" hatte in seiner Montag-Ausgabe über das am Samstag zuvor vom "Sint-Maartensfonds" in Berchem nahe Antwerpen gefeierte Jubiläum berichtet. 1.500 Anhänger waren der Einladung gefolgt, unter ihnen auch der Minister. Der Artikel enthielt bereits die Information, dass Sauwens der Organisation seit 25 Jahren angehöre. Nach dem Erscheinen des Beitrags räumte Sauwens ein, er habe einen Fehler gemacht, sei aber über die Art des Treffens falsch informiert worden. Als ein Redner auf der Veranstaltung vom Samstag die Wiederherstellung eines Großdeutschlands gefordert habe, habe er die Versammlung sofort verlassen.

Achtstündiges Krisentreffen

Am Dienstag erschallten die ersten Rücktrittsforderungen. Die erste kam gegen 16.00 Uhr vom Chef der flämischen Sozialisten, Patrick Janssens. Der Liberale Ministerpräsident Patrick Dewael sprach sich vor einer solchen Rücktrittsforderung für eine Abstimmung im Kabinett aus. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch schon die Grünen entschieden. Am Dienstag Abend traten dann die vier Regierungsparteien, die Liberalen, Sozialisten, Grünen und die Volksunion, also die Partei Sauwens, zu einem achtstündigen Krisentreffen zusammen. Nach Mitternacht zeichnete sich ein Kompromiss ab: Sauwens sollte sich vor dem Parlament offiziell entschuldigen.

So trat Sauwens, der Mittwoch Früh seinen Rücktritt noch dezidiert ausschloss, zu Mittag ans Rednerpult, um sich zu entschuldigen. Während einer Sitzungsunterbrechung sah man sich dann jedoch die Videoaufnahmen an. Neben den Oppositionsparteien forderten im Lauf des Tages auch die Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen den Rückzug von Sauwens. Dessen Entschuldigung sei angesichts der Bilder, die u.a. einen applaudierenden Minister im Kreis ehemaliger Waffen-SS-ler zeigen, nicht ausreichend. Die nationalistische Volksunion, der der Politiker angehört, stärkte ihm jedoch weiter den Rücken. Doch der Druck wurde schließlich zu stark. Zunächst überließ Sauwens im Eindruck der heftigen Parlamentsdebatte über seine Person noch seiner Partei die Entscheidung, sein Mandat mit jemand anderem zu besetzen. Um 22.20 Uhr gab er schließlich auf und seinen Rücktritt bekannt. (APA)

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