Stromkonzerne eröffnen Preiskampf um private Haushalte

9. Mai 2001, 18:39
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Totale Marktöffnung beschert heimischen Kunden Qual der Wahl

Ab 1. Oktober können auch die Haushalte und das Gewerbe am freien Strommarkt einkaufen. Aber schon jetzt ist das Buhlen der heimischen E- Wirtschaft um dieses Kundensegment voll entbrannt. Neben den traditionellen Versorgern, den Landesenergiegesellschaften, sind bereits zwei Anbieter mit einer eigenen Marke in den Ring gestiegen: Die Energie Allianz (EVN, Wiener Stadtwerke, Linz AG sowie Begas und Bewag) bietet ab Herbst Strom unter der gemeinsamen Marke "Switch" an. Bei Switch kostet eine Kilowattstunde 48 Groschen, der Verbund, der gemeinsam mit der Raiffeisen Gruppe auf Kundenfang geht, gibt es um einen Groschen billiger.

In diesem bundesweit einheitlichen Tarif (47 Groschen) sind aber weder Steuern und die Energieabgabe sowie die regional höchst unterschiedlichen Netzgebühren enthalten. Als Vehikel im Kampf um die Kunden hat der Verbund ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Raiffeisen Ware Austria (RWA) gegründet, das unter der Marke Raiffeisen Wasserkraft firmiert.

Der Verbund, der größte Stromproduzent Österreichs, hat zwar mit der steirischen Tochter Steg und über die Beteiligung an der Kärntner Kelag Zugang zu Privatkunden, bleibt aber hinter der Energie Allianz mit ihren rund drei Millionen Kunden weit zurück.

Mit der Gründung der Raiffeisen Wasserkraft setzt sich nach dem Kampf um die Industriekunden der Wettbewerb zwischen Verbund und Energie Allianz nun auf der Ebene der Kleinkunden fort.

Einsparungspotenziale

Wichtigstes Argument im Wettbewerb um neue Kunden sind die jährlichen Einsparungspotenziale, da sich beide Offerte um nur einen Groschen differenzieren. Für einen Durchschnittshaushalt mit 3500 Kilowattstunden Jahresverbrauch verbillige sich die jährliche Stromrechnung in Wien und Niederösterreich um jeweils 500 Schilling, in Tirol sogar um 800 S, erklärte Verbund-Vertriebsvorstand Johann Sereinig. Ein Gewerbebetrieb (30.000 kWh Jahresverbrauch) könne sich gegenüber seinen bisherigen Stromkosten 8000 bis 15.000 Schilling im Jahr ersparen, ein durchschnittlicher Agrarbetrieb in Niederösterreich werde um 1300 Schilling weniger pro Jahr berappen, in Tirol betrage die Ersparnis 3800 Schilling, verspricht Sereinig.

Eines ist jetzt schon fix: Der Kampf um jeden Kunden wird beinhart werden, weil zu Beginn der Marktöffnung nur rund ein Prozent aller Privatkunden den Stromlieferanten wechseln werden, erwartet die heimische Strombranche. Das wären 30.000 Haushalte. Der Verbund hält vom 3,7 Mio. Kunden zählenden Gesamtmarkt in Österreich rund 400.000 Stromkunden für potenziell wechselwillig, rechne man die elf Prozent Kundenwechsel binnen fünf Jahren am Strommarkt Norwegens auf heimische Verhältnisse um, erklärte Sereinig.

Starke Differenz bei Durchleitungsgebühren

Größte Hürde für den Wechsel ist die starke Differenz bei den Durchleitungsgebühren, also jener Summe, die für den Transport der Energie über das Leitungsnetz zu berappen ist. Extrem prohibitiv ist die Netzmaut in der Steiermark (siehe Grafik). Um in der grünen Mark zum Zug zu kommen, müsste ein neuer Lieferant den reinen Strompreis des Landesversorgers Steweag von 20 Groschen unterbieten. Dieser Preis liegt aber deutlich unter den Grenzkosten bei der Erzeugung, jedes Offert wäre daher ein Verlustgeschäft.

Der Regulator, die Elektrizitäts-Control, will deshalb die bestehenden Preisdifferenzen bei der Netzgebühr von bis zu 100 Prozent deutlich nach unten drücken. Gegen die steirischen Netzgebühren hat die Wirtschaftskammer ein Verfahren beim Wirtschaftsminister angestrengt. Das Wirtschaftsministerium legt die Netzmaut aufgrund der von den Stromfirmen vorgelegten Daten per Verordnung fest. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 10.5.2001)

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