Italien: Schwarzhemden unterm Nadelstreif

9. Mai 2001, 17:35
7 Postings

Alleanza Nazionale steckt noch tief in der faschistischen Vergangenheit

Am kommenden Sonntag hält ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat Silvio Berlusconi die Daumen. Aber auch der Leader von Alleanza Nazionale und Berlusconis wichtigster Koalitionspartner, Gianfranco Fini, stellt für sie kein Problem dar, wie sie dem Corriere della Sera erklärte.

Offenbar ist die ideologische Distanz zwischen Rauch-Kallat und den italienischen Postfaschisten stark zusammengeschrumpft, oder aber sie kennt Finis Partei nur aus den Zeitungen. Eine Umfrage unter den Delegierten von Alleanza Nazionale (AN) anlässlich ihres Parteikongresses von Verona (1998) belegt nämlich, dass die ehemalige neofaschistische Partei MSI auch nach dem Wendeparteitag von 1995 noch immer dem Duce nachtrauert.

Der ideologische Bezug zum Faschismus bildete für den alten MSI immer das zentrale Element seiner Identität. Bis zum Wendeparteitag von Fiuggi hatte diese Bindung keine substanziellen Änderungen erfahren. Immerhin hatte Gianfranco Fini 1987 bei seiner Wahl zum Parteichef noch einen "Faschismus des Jahres 2000" prophezeit. Noch zu Beginn der 90er-Jahre wurde an den Werten des Faschismus nicht gerüttelt, bis Fini in Fiuggi plötzlich die Abnabelung vom Duce-Regime verkündete.

Worte sind geduldig, denn die meisten MSI-Mitglieder schätzten die Verurteilung des Faschismus als notwendige Taktik für den Regierungseintritt ein. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es eine schrittweise Distanzierung vom Faschismus gegeben hat. Zwischen 1995 und 1998 ist nämlich der Prozentsatz jener, die im Faschismus nach wie vor das bestmögliche Regierungssystern sehen, um mehr als die Hälfte von 7,1 drei Prozent zurückgegangen.

Trotz des Rückgangs der offenen Befürworter bleiben 61,1 Prozent der Befragten von Verona der Meinung, dass der Faschismus trotz einiger diskutabler Entscheidungen, wie etwa die Einführung der Rassengesetze, ein gutes Regime war. Ein Prozentsatz, der sich seit 1995 nicht geändert hat (61,5 %). Zählt man neben dem harten Kern der Fans (3 %) auch noch all jene dazu, die im Faschismus die notwendige Antwort auf eine kommunistische Gefahr sehen (18 %), erhöht sich der Anteil der Befürworter auf über 82,1 %. Lediglich 0,3 Prozent verurteilen den Faschismus als brutales Regime.

Mit dem Reformparteitag von Fiuggi stießen neue Mitglieder zu AN. Nun würde man sich erwarten, dass gerade die Distanzierung vom Faschismus viele überzeugt hatte, den Mitgliedsausweis von AN zu unterschreiben. Doch die Umfrageergebnisse sprechen eine andere Sprache. Auch unter der neuen Generation, die erst seit 1994 in AN eingetreten ist, bleibt das positive Urteil über den Faschismus mit 56,8 Prozent mehrheitsfähig. Zählt man auch hier diejenigen dazu, die den Faschismus als Antwort auf den Kommunismus sehen, kommen wir auf 73,7 Prozent (gesamt: 82,1 %).

Selbst der Erfinder des Faschismus, Benito Mussolini, hat kaum an Hochachtung verloren. 82,3 Prozent waren es 1995, 76,2 Prozent sind es 1998 geblieben. Auch hier ist die Einschätzung der Mitglieder nach dem Wendeparteitag aufschlussreich, ist ihre Wertschätzung gegenüber dem Duce zwischen 1995 und 1998 um 0,7 Prozent von 64,9 Prozent auf 65,6 Prozent gestiegen.

Die Alleanza Nazionale steckt also noch bis über beide Knöchel in der faschistischen Vergangenheit. Wenn heute die Partei Finis allgemein akzeptiert wird, dann nicht, weil AN bedeutend weniger faschistisch geworden ist, sondern weil die italienische Gesellschaft dem Faschismus gegenüber nicht mehr so unzweideutig und kategorisch negativ eingestellt ist. (DER STANDARD, Print, 10.5.2001)

Günther Pallaver ist Südtiroler und lehrt an der Universität Innsbruck Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt das politische System Italiens
Share if you care.