Knochenfunde belegen: Die Lepra gab es auch in Mitteleuropa

10. Mai 2001, 19:50
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Die Krankheit war an Donau und Rhein teilweise bis zur Jahrhundertwende heimisch

München/Rain - Wissenschafter vom Pathologischen Institut der Ludwig Maximilians-Universität München haben durch molekulare Analysen an historischen Knochenfunden erstmals in Mitteleuropa Lepra nachgewiesen. "Wir konnten nicht nur viele Fälle von Tuberkulose, sondern auch sechs Mal Lepra nachweisen", sagte am Mittwoch in München der Pathologe Prof. Andreas Nerlich.

Eine Neuheit für den süddeutschen Raum sei auch der Nachweis von Malaria-Infektionen. Die Krankheit war in früheren Jahrhunderten in der Donauregion heimisch und bis etwa 1900 im Rheintal bekannt. Letzte endemische Herde wurden dort erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerottet. Bisher gab es aber keinen molekularen Beleg für einen Befall in den Donau- und Lechauen.

"Karner"

Die Wissenschafter hatten 2.547 Schädel und Tausende von Knochen aus dem Gebeinhaus der bayerischen Kleinstadt Rain/Lech untersucht. "In einem so genannten Karner wurden von etwa 1400 bis 1800 die knöchernen Überreste der Bevölkerung gelagert, weil der begrenzte Platz des Friedhofs in der von einer Stadtmauer umgebenen Wittelsbacher-Festung nicht ausreichte", berichtete Nerlich. "Wir haben die Knochen untersucht und dabei unter anderem verschiedene Verletzungen, Vitaminmangelkrankheiten, Tumoren und mit Hilfe molekularer Analysen die Erreger von Malaria, Lepra und Tuberkulose nachweisen können."

Das Gebeinhaus ist in der Gruft einer kleinen Kapelle untergebracht und enthält die menschlichen Überreste der Festungsstadt Rain/Lech, die um 1250 als wittelsbachische Grenzfestung gegründet wurde. Wegen der beengten Platzverhältnisse mussten die Gräber auf dem Friedhof zwischen 1400 und 1803 mehrmals aufgelassen werden.

Die dabei gefundenen Knochen wurden im "Karner" gelagert. "Im Sommer 1998 haben wir das Gebeinhaus, dessen Inhalt völlig ungeordnet war, geräumt", berichtete Nerlich. Dabei seien alle Knochen erfasst und untersucht worden.

Festgestellte Krankheiten

Es waren mindestens 2.550 Individuen, deren sterbliche Überreste das Team um den Pathologen fand. 1764 krankhafte Veränderungen konnten die Wissenschaftler an den Knochen feststellen. Dazu gehörten Skorbut und Rachitis, Karies, Zahnabszesse, Blutarmut, schwere Arthrosen und Tumoren.

Bemerkenswert sei die Anzahl verheilter Blessuren gewesen. Dabei fanden sich etwa 20 Prozent der Schädelverletzungen und 25 Prozent der Frakturen bei Frauen im Alter von 18 bis etwa 30 Jahren. "Wir schließen daraus, dass auch junge Frauen in schwere Tätlichkeiten, vielleicht sogar kriegerische Auseinandersetzungen direkt verwickelt waren", meint Nerlich. Das decke sich mit der Beobachtung, dass ältere Frauen von solchen Verletzungen nicht betroffen waren.

Nerlichs Team fand in einigen Fällen die typischen, durch Syphilis hervorgerufenen morphologischen Knochenveränderungen. Die hohe Zahl der pathologischen Funde und die Schwere der Erkrankungen erklären die geringe Lebenserwartung der früheren Bevölkerung des Festungsstädtchens. Für die Historiker besonders interessant dürften die Lepra-Funde sein. "Man weiß, dass es in der Stadt zwischen 1481 und 1632 ein Leprosarium gab", berichtet Nerlich. Das Erstaunliche sei nicht der Nachweis der Krankheit, sondern der Fundort im Gebeinhaus. Denn das bedeutet, dass die Lepratoten auf dem allgemeinen Friedhof bestattet wurden. (APA/dpa)

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