Serbische Regierung durch Sexskandal erschüttert

9. Mai 2001, 14:34
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Vizeministerpräsident Obradovic kündigt Rücktritt an

Belgrad - Die serbische Regierung ist durch einen angeblichen Sexskandal um den Vizeministerpräsident Chef der Sozialdemokratischen Partei, Vuk Obradovic, erschüttert worden. Obradovic war von fünfzehn Mitgliedern des Parteipräsidiums der sexuellen Belästigung von weiblichen Mitgliedern der Parteiführung und Regierungsangestellten beschuldigt worden war. Laut Medienberichten kündigte Obradovic am Mittwoch bei einer Regierungssitzung an, er werde im Laufe des Tages seinen Rücktritt einreichen.

Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic erklärte, Obradovic werde "spätestens bis Freitag" seinen Rücktritt bekannt geben. Für diesen Tag sei eine Sitzung des Regierungsbündnisses DOS angesetzt, bei der auch die Affäre in der Sozialdemokratischen Partei zur Sprache kommen soll.

Djindjic kritisierte den Vorfall in der kleineren Regierungspartei als "sehr schädlich" für die ganze Regierung. Das Regierungskollegium habe beschlossen, dass Obradovic, der eine Kommission zur Untersuchung von Korruption leitet, zurücktreten müsse. Obradovic zog nach Angaben des Senders "B-92" seine früheren Beschuldigungen zurück, wonach hinter dem Zerfall seiner Partei die Bündnispartner von DOS stünden. Er soll Djindjic und Innenminister Dusan Mihajlovic beschuldigt haben, hinter der Affäre zu stecken. Djindjic betonte gegenüber der Tageszeitung "Danas", Obradovic müsse seine Anschuldigungen beweisen. Stelle es sich heraus, dass sie nicht stimmten, müsste er zurücktreten.

Serbische Sozialdemokratie vor der Spaltung

Wegen der angeblichen Sex-Affäre steht die serbische Sozialdemokratie vor der Spaltung. Obradovic erstatte Strafanzeigen gegen fünfzehn Spitzenfunktionäre seiner Partei, darunter gegen den Vizepräsidenten der Partei, Rodoljub Sabic, und den jugoslawischen Informationsminister, Slobodan Orlic. Der Hauptauschuß der Sozialdemokratischen Partei hatte am Dienstagabend die Kritiker des Parteichefs aus der Partei ausgeschlossen. Im Gegenzug schlossen die Präsidiumsmitglieder, die die Entscheidung nicht anerkennen wollen, Obradovic aus der Partei und kündigte ebenfalls Strafanzeigen an.

Die Sprecherin der Partei, Ljijlana Nestorovic, ist nach eigenen Angaben eine jener Frauen, die von Obradovic sexuell belästigt wurden. Sie erklärte, dass einige Frauen aus dem Regierungskabinett, aus der Partei und auch Journalistinnen sexuellen Angriffen ausgesetzt gewesen seien.

Obradovic bestreitet die Anschuldigungen. "Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, dass eine Frau, wenn sie ihr eine Geste der Aufmerksamkeit schenken, mit dem an die Öffentlichkeit gehen kann", sagte Obradovic. Der Vizepremier fügte hinzu, dass man allein seine Partei und auch seine Tätigkeit in der Regierungskommission zur Untersuchung der Korruption diskreditieren wolle. Nach der Entlassung der Initiatoren für seinen Rücktritt habe sich "objektiv ein großer Bruch" in der Partei ereignet. Aber man habe nicht zugelassen, dass die Partei zerfällt, erklärte Obradovic. (APA)

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