Prammer fordert Anerkennung von Genitalverstümmelung als Asylgrund

9. Mai 2001, 16:38
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Grüne-Abgeordnete Lunacek für Hilfestellung und Aufklärung der Betroffenen

Wien - SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Barbara Prammer fordert, dass die weibliche Genitalverstümmelung in Österreich ausdrücklich als Asylgrund anerkannt wird. "Das könnte wesentlich klarer von Seiten der Regierung festgehalten werden", unterstrich Prammer am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Wien. Obwohl Genitalverstümmelung durch das Gesetz gegen Beschädigung des Körpers in Österreich verboten sei, werde die weibliche Beschneidung laut einer Studie unter afrikanischen Mädchen auch hier durchgeführt.

Genitalverstümmlung wird auch in Österreich durchgeführt

Laut einer Untersuchung der Afrikanischen Frauenorganisation in Wien, die 250 in Österreich lebende afrikanische ImmigrantInnen erfasste, haben 30 Prozent der befragten Eltern ihre Töchter einer Genitalverstümmelung unterzogen. An 11 Prozent wurde die Operation in Europa, davon an 2 Prozent in Österreich und an 9 Prozent in Deutschland und Holland durchgeführt. 78 Prozent der Eltern sagten, dass es sich bei Genitalverstümmelung um einen Teil ihrer Tradition handle und sie daher keinen Grund sehen würden, diese Praxis abzulegen. Ausgehend von den Ergebnissen der Studie wolle die Afrikanische Frauenorganisation in Wien Strategien zum Kampf gegen diese Form der Frauenunterdrückung entwickeln, sagte Etenesh Hadis von der Organisation.

Lunacek: Nicht nur andere Kulturkreise sind frauenfeindlich

Lunacek erinnerte daran, dass auch in der westlichen Welt ähnliche Maßnahmen bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts an Frauen durchgeführt wurden und daher "nicht nur andere Kulturkreise wegen Frauenrechtsverletzungen angeprangert werden dürfen. Frauenfeindlichkeit ist auch bei uns - in anderen Formen - nach wie vor weit verbreitet.

Prammer fordert eigenes Gesetz gegen "FGM"

Prammer erklärte, dass die Genetalverstümmelung in Österreich zwar verboten sei, es jedoch kein eigenes Gesetz gegen "Female Genital Mutilation" (FGM) gebe. Sie habe deshalb beim Justizminister eine Resolution eingereicht und hofft, dass ein Gesetz zum Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung verabschiedet werde. "Ich wünsche mir, dass durch ein Gesetz das Problem sichtbar gemacht wird." Im Februar hat Prammer den Ehrenschutz über die Menschenrechtsorganisation "Inter-Afrikanisches Komitee" (IAC) für Europa übernommen.

Auch wenn in den vergangenen Monaten das Thema in der Öffentlichkeit sehr intensiv diskutiert wurde, gebe es wenige europäische und internationale Netzwerke, die sich dieses Themas annehmen. "Wir suchen Ansprechpartner im Europäischen Parlament und bei der EU-Kommission", unterstrich die SPÖ-Frauenvorsitzende. Europaweit werde die Beschneidung weiblicher Genitalien praktiziert. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die weibliche Genitalverstümmelung zum Thema in Europa machen werden, nicht nur wegen der ImmigrantInnen vor Ort sondern auch wegen der Kooperation mit Staaten, in denen FGM verbreitet ist", sagte Prammer.

In Österreich ginge es laut Lunacek auch darum, ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen und BehördenvertreterInnen das Problem der Genitalverstümmelung bewußt zu machen, um einen adäquaten Umgang mit den Betroffenen zu erreichen.

Gewalt gegen Frauen als globales Problem

Nach den Worten der Präsidentin des IAC, Berhane Ras-Work, ist Gewalt gegen Frauen ein globales Problem und muss deshalb auch auf globaler Ebene bekämpft werden. In 28 Staaten werde weibliche Genitalverstümmelung praktiziert, und über hundert Millionen Frauen seien davon betroffen. "An der Basis arbeiten wir mit einer Informations- und Erziehungskampagne gegen die FGM. Auf Regierungsebene betreiben wir Lobbying und versuchen PolitikerInnen und religiöse Autoritäten für unsere Arbeit zu gewinnen", erklärte Ras-Work. Das IAC habe weiters die 53 Mitglieder zählende "Organisation Afrikanischer Einheit" (OAU) aufgefordert, eine Resolution gegen Genitalverstümmelung zu beschließen. IAC habe es geschafft, dass der Kampf gegen Genitalverstümmelung auch in der UNO auf der Agenda stehe. (APA)

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