Armut: Jeder Fünfte in Österreich gefährdet

9. Mai 2001, 13:41
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EU-Institut schlägt Alarm - Sozialexperte Marin für "intelligentere Justierung der Leistungen"

Wien - Jeder fünfte Österreicher ist einmal in vier Jahren von Armut bedroht. Trotzdem befindet sich Österreich mit einem Anteil von rund zehn bis zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung im EU-Vergleich im unteren Drittel, was Einkommensarmut angeht. Das sind zwei zentrale Ergebnisse einer Studie des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik, die am Donnerstag in Wien präsentiert wurde. Besonders armutsgefährdet sind arbeitslose Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose, alleine lebende Pensionisten und Nicht-EU-Bürger.

Konkret waren gemäß der Studie, die von den Wissenschaftern Michael Förster und Bernd Marin erläutert wurde, im Jahr 1997 rund 900.000 Österreicher von Armut bedroht. Das bedeutet, dass sie in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens (entspricht ungefähr der Hälfte des Durchschnitts-Einkommens) gelebt haben. Rund 340.000 Personen galten sogar als "akut arm". Bei ihnen kam zur Armutsgefährdung noch die Einschränkung grundlegender Lebensbedürfnisse wie Wohnen und Ernährung.

Nordische Länder mit niedrigen Armutsraten

Im Europa-Vergleich steht Österreich mit diesen Werten relativ gut da. Niedrigere Armutsraten weisen lediglich die vier nordischen Länder sowie die Niederlande auf, am anderen Ende der EU-Skala stehen Griechenland, England und Portugal. Auch bei der Dauer der Armutsgefährdung könne Österreich zufrieden sein, meinte Marin. Laut der Studie sind 46 Prozent der Armutsgefährdeten lediglich ein Jahr von ihrer misslichen Situation betroffen. Nur 13 Prozent gelten zumindest vier Jahr als armutsgefährdet, der Durchschnitt liegt bei 1,9 Jahren.

Den erfreulichen Aspekt sieht Marin darin, dass es eine sehr hohe Rate von Personen gebe, die sich sehr rasch wieder aus der Situation befreien. Auch verlaufe die Verteilung zwischen den Bevölkerungsgruppen "zufällig".

Einzelne Gruppen besonders gefährdet

Anders sieht es freilich bei den Langzeit-Arbeitslosen aus. Hier sind laut Förster einzelne Gruppen klar als besonders armutsgefährdet zu charakterisieren, nämlich Alleinerziehende ohne Erwerbseinkommen, Langzeitarbeitslose, Nicht-EU-Bürger, Personen in Haushalten ohne jede Beschäftigung und allein lebende Pensionisten. Bei letzterer Gruppe ist die Situation nicht ganz so dramatisch. Immerhin sei hier der Abstand zu den Nicht-Armutsgefährdeten mit Abstand am Geringsten. Das bedeute, "dass man mit sehr wenig Geld sehr viel erreichen kann", erklärte Marin.

Weitere signifikante Ergebnisse der Studie: Frauen sind stärker durch Armut gefährdet als Männer, ebenfalls benachteiligt sind Personen mit mangelnder schulischer Ausbildung und - für die Forscher besonders erstaunlich - die Gefahr langfristiger Armut ist in Wien deutlich geringer als im ländlichen Raum. Ein Ergebnis, das in keiner anderen Großstadt zu finden wäre, erklärte Marin.

"Intelligenter justieren"

Wiewohl die Lage in Österreich nicht so schlecht wie in anderen Ländern sei, gebe es trotzdem Handlungsbedarf, betonte Förster: "Armut ist transparent und kann durch die Politik zurückgedrängt werden". Als wichtigsten Ansatz sehen die Wissenschafter dabei den Versuch, die Arbeitslosigkeit weiter zurückzudrängen. Auch könnte man die "Familienleistungen ein bisschen intelligenter justieren", regte Marin an. Diese würden in Österreich noch immer sehr stark auf den Mittelstand konzentriert sein.

Insgesamt müsse man erwarten, dass in den nächsten Jahren die Verteilungskluft bei den Einkommen weiter ansteige. Dem müsse man mit entsprechenden steuerlichen und sozialpolitischen Maßnahmen entgegensteuern, konstatierte der Experte. (APA)

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