Die richtigen Kontakte

9. Mai 2001, 12:14
posten

"Beruf ohne (Aus-)Bildung. Anleitungen zum Journalismus" - Aktuelles Buch über Journalistenausbildung in Österreich

Journalistenausbildung in Österreich ist kaum institutionalisiert, die Akquisition von Nachwuchs wird von den Medienhäusern oft dem Zufall überlassen. Diese Diagnose ist der Ausgangspunkt eines im Czernin Verlag erschienenen Buches mit dem Titel "Beruf ohne (Aus-)Bildung. Anleitungen zum Journalismus". Herausgeber Andy Kaltenbrunner, lange für den trend/profil-Verlag tätig und nun Medienberater, hat zahlreiche Positionen heimischer Medienprofis zu journalistischer Qualität und Ausbildungsmodellen gesammelt, die über das bloße Konstatieren eines Defizits hinausgehen. Darüber hinaus werfen junge Journalisten einen Blick zurück auf ihre ersten Schritte auf der Karriereleiter.

Mangel

"Die Notwendigkeit langfristiger Personalentwicklung und berufsbegleitender Hilfen für das Personal werden auf den Job- und Karriereseiten der Tageszeitungen ausführlich referiert und beworben. In österreichischen Medien selbst ist dafür nur selten Zeit, Platz oder gar Budget vorgesehen", beschreibt Kaltenbrunner im Vorwort den Status quo. Zwar beweist der umfangreiche Anhang des Buches mit Adressen und Daten zur Journalistenausbildung in Österreich und Deutschland, dass einzelne Medien und Institutionen durchaus Initiativen gestartet haben. An kontinuierlichen Bildungsangeboten aber herrscht weiter Mangel.

Nicht nur auf standardisierte Curricula verzichtet die heimische Medienbranche in ihrer Nachwuchsförderung, auch organisierte "Denkräume" für die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle fehlen, meint Kaltenbrunner. "'Selbstreflexion' findet dann allenfalls in physischer Ermattung beim dritten Bier nach Redaktionsschluss statt."

Alle Autoren von "Beruf ohne (Aus-)Bildung" waren als Lehrbeauftragte, Referenten, Praxisbetreuer oder Studierende zwischen 1996 und 1999 am "redaktionslehrgang magazinjournalismus" des trend/profil-Verlags beteiligt, an dem Kaltenbrunner selbst federführend mitwirkte. Dennoch gehe es nicht um eine "besinnliche Bilanz" dieser Initiative, betont der Herausgeber. Aus der Evaluation des "Vorzeigeprojekts" könnten aber "Lehren" für eine vergleichbare Ausbildung gezogen werden, wie Rainer Schüller in seinem Beitrag zeigt. Auch Norbert Regitnig beschäftigt sich mit der Lehrplangestaltung für die "journalistische Bildungspraxis". Elisabeth Esberger widmet ihren Artikel der "Professionalisierung im Online-Journalimus".

Sinnhaftigkeit von seriösen Studienabschlüssen

Mit Identifikationspotenzial warten die Erfahrungsberichte junger Journalisten auf. Florian Klenk schreibt "über die Sinnhaftigkeit von seriösen Studienabschlüssen für Journalisten", Robert Treichler blickt zurück auf seine Anfänge bei der - kürzlich eingestellten - "Neuen Zeit". Herbert Lackner gönnt den Lesern einen Blick von der "anderen Seite" und lässt "typische" Bewerber Revue passieren. Seine Beschreibung des "Musterknaben" ("Am liebsten, meint er, würde er über die Föderalismusproblematik in der Schweiz schreiben, das sei sein Leibthema"), des "Reporters des Satans" ("Verbissen versucht er den Eindruck zu erwecken, er sei jenes journalistische Schweinchen, das für eine gute Story alles macht") oder der/des "Schüchternen" ("Am Journalismus interessiert dieses scheue Menschlein, dass er 'so interessant' sei") verleitet die Leser unversehens zur Gewissenserforschung.

Dass freie Journalisten nicht immer "frei wie ein Vogel" sind, sondern sich mitunter auch "vogelfrei" fühlen, beschreibt Thomas Vasek, der ebenso wie Mia Eidlhuber auf deutsche Verhältnisse Bezug nimmt. Letztere widmet sich auch als eine der wenigen Autoren einer weiteren wichtigen Funktion der Journalistenausbildung: Die richtigen Kontakte erleichtern es Newcomern erheblich, den "Fuß in die Tür" zu kriegen. In Deutschland, wo prestigeträchtige Journalismusschulen seit Jahren tätig sind, wurden schon längst entsprechende Netzwerke geknüpft. In Österreich bleibt dies zum Großteil noch immer dem Einzelnen überlassen. (APA)

Share if you care.