Die letzten Tage des "Pompeji der Wikinger"

9. Mai 2001, 12:14
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Das Verschwinden der Grönlandsiedler

Kopenhagen - Am Ende haben sie ihre Milchkühe und Jagdhunde gegessen, die Bauern auf Nipaatsoq in Grönland, dann sind sie verschwunden, bis heute ist unklar, wohin. Auch die Siedlung verschwand - unter Flugsand, weshalb das Haus auch "Farm unter dem Sand" und "Pompeji der Wikinger" heißt -, seit 1990 wird von einem Team des dänischen Nationalmuseums gegraben.

Nach den Befunden gerieten die Siedler - Wikinger, sie waren im 10. Jahrhundert eingewandert - in eine Falle aus Klimawandel, Umweltzerstörung, Welthandelswandel und eigenem Starrsinn. Im 13. Jahrhundert kam die "Kleine Eiszeit" über Grönland - man kann es in Eisbohrkernen lesen, aber auch in den Fliegenresten im Staub auf den Fußböden - und brachte Kälteeinbrüche vor allem im Sommer.

Kein Heu, kein Holz

Damit kam die Wirtschaftsweise in Bedrängnis - die Siedler konnten nicht mehr genug Heu für ihr Vieh einbringen -, auch die Siedlungsweise wurde umgestellt. Bestand Nipaatsoq zunächst aus einzelnen Gehöften, rückten nun alle unter ein Dach, die wärmenden Rinder und Ziegen inklusive.

Sonst gab es wenig zum Wärmen. Der Handel mit Norwegen - Eisbärfelle und Walrosselfenbein gegen Holz und Eisen - war zum Erliegen gekommen, weil zum einen das norwegische Seemonopol von der deutschen Hanse gebrochen wurde und zum anderen Afrika ergiebigere Elfenbeinquellen bot. Mangels Importholz legten die Siedler die letzten Zwergbäume um - das zeigen Pollenanalysen - und brachten dem ohnehin stark überweideten Land weitere Erosion, die auf verstärkte Schmelzwasser traf.

Keine Lernfähigkeit

Andere konnten mit dem härteren Klima leben. Auf Grönland gab es vor den Wikingern schon Innuit, die lange im Verdacht standen, die Wikinger ausgerottet zu haben. Aber dafür gibt es keinerlei Belege, offenbar lebten die beiden Gruppen nebeneinander. Aber die Wikinger lernten nichts von den Nachbarn: Während die Innuit ihren Robben- und Fischfang auch in der Kälte betreiben konnten, hielten die Wikinger an ihren Rindern und der Jagd fest. Zwar finden sich gegen das Ende hin auch Gräten im Hausmüll, aber nirgends finden sich Harpunen, selbst einfache Angelhaken fehlen.

Dafür finden sich erwähnte Fliegen. Ganz unten im Staub sind es normale Hausfliegen, später nur kälteangepasste Arten. Dann, ab dem 14. Jahrhundert, keine Fliegen mehr, und keine Menschen: Offenbar sind viele verhungert und erfroren, andere wieder nach Europa gewandert, wo eine andere Katastrophe Raum geschaffen hatte: die Pest. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe 9. 5. 2001)

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