Deutscher Medienexperte: "Europa" ist viel zu abstrakt

8. Mai 2001, 20:34
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Europa-Gedanke nimmt als einigender Faktor ab

Europa erscheint in der Öffentlichkeit als "zu abstrakt". Das meint der Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf, Jo Groebel. "Wir haben voriges Jahr am Institut eine Studie darüber gemacht, wie Europa aufgenommen wird: Das Ergebnis war verheerend", sagte der Wissenschaftler Montag Abend vor ausländischen Journalisten in Berlin. Es gebe kein gemeinsames Interesse, Europa sei ein abstraktes Gebilde.

Insgesamt nehme Europa als einigender Faktor ab, meint Groebel, was sich am Beispiel Film und Fernsehen darstellen lasse: "An erster Stelle stehen die nationalen Produktionen. Einen Austausch wie in den 50er- und 60-er Jahren, etwa bei italienischen oder französischen Filmen, gibt es nicht mehr. Amerika rangiert inzwischen auf dem zweiten Platz."

Zum österreichischen Gesetzesentwurf, wonach Journalisten mit bis zu sechs Monaten Haft bestraft werden sollten, wenn sie aus geheimen Gerichtsakten zitieren, sagte Professor Groebel, er finde dies "schon problematisch". Die Pressefreiheit werde eingeschränkt, ohne ein anderes Gut zu schützen. "Mein Vorbild ist Amerika. Dort ist die Pressefreiheit das oberste Gut, da wird sogar der Jugendschutz untergeordnet." Justizminister Dieter Böhmdorfer (F) hatte sich Montag dafür ausgesprochen, die Strafandrohung wieder aus dem Gesetzentwurf zu streichen.

Als spannend empfindet Groebel die Entwicklung der Medien in Südosteuropa: Dem ehemaligen Staatsrundfunk stünden heute neue Privatsender gegenüber, die aber wenig Politik im Programm hätten, weil diese die Menschen nicht interessiere. Groebel spricht in diesem Zusammenhang von einem "Aufklärungsparadoxon": Immer mehr Information gehe einher mit immer mehr Informationsmüdigkeit: "Wenn man den Leuten zuviel Schokolade gegeben hat, wollen sie das nicht mehr", sagt der Medienexperte. (APA)

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