Kommentar: Unerträglich
Michael Fleischhacker

8. Mai 2001, 20:32
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Edward Brongersma war 86 Jahre alt, er war gesund, aber er wollte nicht mehr leben. Also bat der ehemalige Senator seinen Arzt, er möge ihm bei der Beendigung dieses Lebens behilflich sein. Der Arzt entsprach der Bitte und kam dafür vor Gericht. Dort wurde er in erster Instanz freigesprochen, weil man den Lebensüberdruss des Patienten als "unerträgliches Leiden" anerkannte, das in dem kürzlich verabschiedeten niederländischen Sterbehilfegesetz als eine der Voraussetzungen für die Straffreiheit des Sterbehilfe leistenden Arztes genannt wird. Das Urteil war von den Gegnern der niederländischen Euthanasiegesetzgebung immer als Beleg dafür angeführt worden, dass der befürchtete "ethische Dammbruch" tatsächlich eingetreten sei: Es gehe eben nicht nur darum, ein ohnehin kurz vor dem Ende stehendes Leben auf Wunsch des Sterbenden - also gewissermaßen zur Wahrung seiner Autonomie - vorzeitig zu beenden. Nein, hier werde das Töten ins "gewöhnliche Repertoire" des Arztes aufgenommen.

In der Tat wäre eine Bestätigung des erstinstanzlichen Brongersma-Urteils auch eine Bestätigung der Vorbehalte gegen das neue Gesetz. Freilich würde sie dem Geist des Gesetzes - das man aus prinzipiellen Gründen ablehnen kann - eklatant widersprechen: Dort heißt es aus guten Gründen, dass zur Gewährung der Straffreiheit "der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich" sein müssen. Der subjektive Befund der "Unerträglichkeit" müsste also durch den objektiven Befund der medizinischen Aussichtslosigkeit ergänzt werden.

Mit anderen Worten: Die Gesetzesgegner hofften auf ein Fehlurteil des Berufungsgerichtes, um ihre Vorbehalte bestätigt zu sehen. Eine solche Verbrüderung von hehrer Moral und gewöhnlicher Taktik ist irgendwie auch schwer erträglich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 9. 5. 2001)

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