Blairs Wende nach Europa erfolgt in Superzeitlupe

8. Mai 2001, 19:51
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"Ich bin ein starker britischer Patriot, aber ich bin ebenso ein Teil von Europa", sagte Tony Blair bei einem Gespräch in kleinem Kreis. Das war vor fast vier Jahren. Da hatte er sich als frischer Premier gerade angeschickt, die von den Konservativen lange betriebene leidenschaftliche Abneigung gegenüber "Brüssel" zu korrigieren.

"Konstruktiver Partner" sein, mitgestalten statt sich gegenüber der politischen Integration nur destruktiv zu verhalten, so definierte Blair seine Haltung. Mit der Einschränkung, dass der Erfolg der EU sich letztlich durch ihren Nutzen für die Bürger, nicht in der Verwirklichung von Visionen einstellen werde. Kurz: Der junge Premier, der gut französisch spricht und seine Urlaube demonstrativ in mediterranen Ländern verbringt, wollte vor allem pragmatisch vorgehen, sich in Europa mehr Einfluss sichern.

Daran hat er sich bis heute strikt gehalten, weshalb jene, die sich von Blair mehr Zugeständnisse erwarteten, enttäuscht wurden. Denn wie seine Vorgänger steht auch Blair beim Ausbau einer politischen Union, im sozialen Bereich wie bei innerer Sicherheit kräftig auf der Bremse.

Taktik beim "Euro"

Auch beim Euro blieb er stets taktisch-vorsichtig, wollte über einen Beitritt des Vereinigten Königreiches zur Währungsunion erst nach erfolgter Wiederwahl abstimmen lassen. Aber immerhin: Blair legte ein Bekenntnis für den Euro ab, "wenn die wirtschaftlichen Bedingungen seine Einführung erlauben".

Den größten Schritt in Richtung EU machte er in der Verteidigungspolitik, gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Jacques Chirac - mit der Einschränkung, dass die Euro-Armee eine Stärkung der Nato zur Folge haben müsse. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 9. 5. 2001)

STANDARD- Redakteur Thomas Mayer aus Brüssel
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