Rassismusstreit stürzt Tories in Führungskrise

9. Mai 2001, 06:24
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Kurz vor den Wahlen muss sich Parteichef Hague Schwäche nachsagen lassen

London - Die letzten Voraussetzungen für die erwartete zweite Amtszeit von New Labour hat niemand anders als William Hague, der Boss der Konservativen, selbst geschaffen: Er konnte eine dumme Debatte über Rassismus und Nationalismus in seiner Partei nicht kontrollieren.

Statt "Stärke", die jedem britischen Parteiführer als Kardinaltugend abverlangt wird, bewies er in dieser Affäre nur Schwäche und Unsicherheit. Seither wackelt sein eigener Stuhl.

Die Kontroverse begann Anfang April, als das überparteiliche "Komitee für Rassengleichheit" (CRE) eine Unterschriftenaktion aller Parlamentarier gegen die in Großbritannien schwelenden Rassenvorurteile vorschlug. Alle drei Parteiführer im Unterhaus, sämtliche Liberalen und die meisten Labour-Abgeordneten unterschrieben, doch bei den Konservativen entspann sich eine bittere Kontroverse: Ihr rechter Flügel lebt von seinem Nationalismus, und während die Partei Rassismus natürlich verurteilt, hofft sie doch, die Asylproblematik für den Wahlkampf ausbeuten zu können. Um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, erklärte Hague, er habe "für alle Abgeordneten" unterzeichnet und mehr sei nicht nötig. Doch da zeigte sich, wie sehr gerade seine stärksten Schattenminister schon für die Zeit nach der Wahlniederlage an seinem Stuhl sägen: Die für Inneres zuständige Anne Widdecombe erklärte, sie habe die Erklärung zwar unterzeichnet, doch diese sei "dumm". Wirtschaftssprecher Michael Portillo stellte sich an die Spitze der Neinsager und verweigerte seine Unterschrift. Beide streben jetzt offen selbst die Parteiführung an.

Townend brachte Stimmung zum Sieden

Ausgerechnet der Hinterbänkler John Townend brachte dann die Stimmung zum Sieden. Da er nicht mehr kandidiert, wird er sein Mandat in wenigen Tagen verlieren. Doch will er wenigstens mit einem Knall gehen. In einer Serie von Interviews verlangte der Hinterbänkler die sofortige Auflösung der Antirassismuskommission, beklagte das "Ende des angelsächsischen Britannien" und sagte die Entstehung einer "Mischlingsrasse" voraus. "Mongrels" würden die Briten dann sein - der Begriff wird sonst für nicht reinrassige Hunde verwendet.

Townend stand mit diesen Tiraden nicht allein; etliche andere Abgeordnete bekundeten ähnliche nationalistische Gefühle. Erst als der liberale Flügel zu rebellieren begann und die wenigen farbigen Abgeordneten seiner Partei - sie sitzen alle im Oberhaus - unter Führung des Lords Taylor of Warwick sich allzu empört zeigten, schritt Hague ein und zwang Townend, ein Papier zu unterschreiben, mit dem er alles Gesagte zurücknahm. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 9. 5. 2001)

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