Kikeriki-Verkauf am Südbahnhof

8. Mai 2001, 20:22
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Über 6000 Gepäckstücke kommen jedes Jahr unter den Hammer

Wien - "Diese Gitarre hat an groß'n Vurteil: Sie hat nur fünf Saiten. Des spült sie leichter." Eigentlich ist Richard Wenzl Zugsbegleiter. Und eigentlich war er nie einer, der sich gerne vor Publikum produzierte. Aber irgendwann stand er gerade da - und man hatte den Auktionator vergessen. "Ich hab' kassieren sollen, und sie ham g'sagt: Mach's." Seither - "i glaub, seit zwölf Jahren" - ist Herr Wenzl eine Institution: Er versteigert Reste.

Gitarren (fünf- und sechssaitig) etwa. Oder Didgeridoos ("des is a Kickeriki oder so"). Oder Skateboards, Handys, Kinderwägen, Fahrräder, Skischuhe, Schreibmaschinen und Helme ("den Kopf hamma schon aussegnumman"). Also alles, was der Mensch nicht mehr braucht, wenn er aus der Bahn steigt. Herr Wenzl verkauft es. Alles, was in den Zügen der ÖBB übrig bleibt und nicht zurückreklamiert wird: Lockenstäbe, Schmuckstücke, Lenkradsperren und Schirme etwa. Die vor allem: Ganze Regenschirmhalden ("den mach i jetzt ned auf - wir haben also wieder einen Risikoschirm") hat Richard Wenzl vor sich liegen. Und dann wären da noch die Kleidungsstücke. Und die vollen Reisetaschen ("Die da is' so schiach, für die genier' ich mich. Die kommentier' i ned amoi. Fünf Schilling?")

Über 6000 Gepäckstücke kommen jedes Jahr unter den Hammer. Einmal im Jahr, am Südbahnhof. Nicht nur für den - längst nicht mehr lampenfiebrig publikumsscheuen ("ein Spass", sagt Herr Wenzl) - Schaffner ist das ein Termin, der im Kalender einen fixen Stellenwert besitzt: Auch Freunde des Billigen und des Skurrilen zieht der Event magisch an. Und natürlich - neben denen, denen nach dem Verlust von Lebenszielen der Bahnhof mehr als ein metaphorischer Verweilort ist - natürlich die Fans des Herrn Wenzl.

Aber auch Mystery-Shopper. "Ich kaufe jedes Jahr drei Taschen", erzählt der Filmbeleuchter Helmut Müller, als er 170 Schilling für eine Bundesheertasche hinlegt. "Aufmachen tu ich sie erst zu Hause. Wegen der Spannung." Letztes Jahr fand er einen CD-Spieler zwischen alten Socken und Pullis. "Die hau' ich weg. Oder ins Caritas-Sackerl."

Herr Wenzl fuchtelt mit einer Trompete herum. "Aus Los Angeles. Die macht amerikanische Musik - obwohl New Orleans besser wäre." Der Käufer (700 Schilling) ist Musiker - er hat schon im Vorjahr eine ÖBB-Trompete aus der Bahn gekauft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 9. 5. 2001)

Von Thomas Rottenberg

Herr Wenzl versteigert bis inklusive Freitag von 9 bis 16 Uhr, Südbahnhof
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