Mailands Bürgermeister verzichtet auf Wahlkampagne

8. Mai 2001, 17:57
posten

Gabriele Albertini setzt auf das Unternehmermodell

Mailand - Er hat es nicht nötig. Werbung, eine richtige Wahlkampagne kostet nur Geld. Und dies will der Mailänder Bürgermeister Gabriele Albertini für andere Zwecke verwenden. Das kann er sich auch leisten. Denn die Meinungsforscher prognostizieren Albertini bei den am kommenden Sonntag stattfindenden Kommunalwahlen in Mailand einen haushohen Sieg.

Er werde sich nicht einmal einer Stichwahl unterziehen müssen, heißt es. Diese ist bei Bürgermeisterwahlen nur dann nötig, wenn weniger als 60 Prozent der Stimmen gewonnen werden. "Die Fakten sprechen für mich", meint der Bürgermeister auf eine Frage des Standard. Sein Vorteil ist, dass er vor vier Jahren von seinem wenig dynamischen Vorgänger Formentini von der Lega Nord eine Stadtgemeinde übernahm, in der seit Jahrzehnten so gut wie nichts geschehen war. Nicht einmal eine Müllverbrennungsanlage war vorhanden. Diese und massive Investitionen im Transportwesen und vor allem in Kulturinfrastrukturen brachten die Stadt wieder auf Trab. Zurzeit ist Mailand nicht nur Wirtschafts- und Finanzmetropole, sondern mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern eine der wichtigsten Kulturstädte Europas.

Klares Bekenntnis zu Berlusconi

Gabriele Albertini, Besitzer eines mittelständischen metallverarbeitenden Unternehmens, gehört dem Mitte-rechts-Bündnis Casa delle Libertà an. Auch wenn er in der Vergangenheit mehrere Meinungsunterschiede mit Forza-Italia-Boss Silvio Berlusconi hatte und sich seit je von Lega-Chef Umberto Bossi deutlich distanzierte, bekennt er sich nun - kurz vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag - klar zum Oppositionslager. Interessenkonflikte, die Berlusconi vom In- und Ausland infolge seiner Stellung als mächtigster Medienunternehmer und Machtpolitiker vorgeworfen werden, nimmt er auf die leichte Schulter. "Ein Unternehmer ist sicher fähig, das Land so gut wie sein Unternehmen zu führen", antwortet Albertini auf Fragen von Auslandsjournalisten.

Zu dem europafeindlichen und mitunter ausfallend werdenden Umberto Bossi, dem Chef der einstmals separatistischen Lega Nord, meint er nur ironisch: In jeder Familie gebe es schwarze Schafe. Für den auf seine kultivierte und stets beherrscht wirkende Erscheinung großen Wert legende Bürgermeister muss der Rabauke Bossi einfach ein Grauen sein. Dennoch hat sich Albertini abgesichert: Die Lega musste ihm vor seiner Kandidatur versichern, keinen Einfluss auf sein politisches Amt auszuüben.

"Modell Mailand"

"Das Modell Mailand", die erste Großstadt Italiens, die von einem Unternehmer verwaltet wird, macht Schlagzeilen. Von seinem Vorgänger unterscheidet sich der Bürgermeister nicht nur durch Investitionen von über 35 Milliarden Schilling (2,5 Milliarden €). Zur Finanzierung dieser Investitionen dienten nicht nur Steuereinnahmen, sondern auch die Privatisierungserlöse. So hat Albertini 49 Prozent der städtischen Energie- und Wasserversorgungsgesellschaft AEM abgegeben, die städtischen Molkereien und Apotheken privatisiert und will im Herbst 30 Prozent der Flughafengesellschaft Sea verkaufen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 9. 5. 2001)

STANDARD -Korrespondentin Thesy Kness-Bastaroli
Share if you care.