Susan Sontag: Deutlich kritischer Auftritt in Jerusalem

10. Mai 2001, 13:59
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Bei Ansprache zu Entgegennahme des großen Literaturpreises

Jerusalem - Susan Sontag, US-Schriftstellerin, Essayistin und Regisseurin, ist am Mittwochabend mit dem großen Literaturpreis der Stadt Jerusalem ausgezeichnet worden und hat die Gelegenheit genutzt, die israelische Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten scharf zu kritisieren.

Sontag sagte, von ihrem Redetext abweichend, sie glaube, "dass die Doktrin der kollektiven Verantwortlichkeit als Begründung für kollektive Bestrafung weder militärisch noch ethisch begründbar ist. Ich glaube außerdem, dass Frieden hier nicht möglich ist, so lange die Ansiedlung israelische Gruppen in den (besetzten) Gebieten nicht gestoppt wird, gefolgt vom möglichen Abbau dieser Siedlungen." Sontag verurteilte - unter dem starken Applaus zahlreicher Zuschauer - die Zerstörung palästinensischer Häuser durch die israelische Armee. Einige der Anwesenden verließen nach diesen Worten unter Protest den Saal.

Die israelische Friedensbewegung hatte die Autorin in den vergangenen Tagen aufgefordert, demonstrativ auf die Annahme des Preises der mit 10.000 US Dollar ausgewiesen ist, zu verzichten, um damit gegen die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu protestieren. Sontag, eine der prominentesten Vertreterinnen des intellektuellen jüdischen New York, lehnte ab und erhielt die alle zwei Jahre anlässlich der bis 11. Mai laufenden Jerusalemer Buchmesse vergebene Auszeichnung für ihr Eintreten für die "Freiheiten des Individuums in der Gesellschaft" dann aus der Hand des rechtskonservativen Bürgermeisters der Stadt, Ehud Olmert.

Sontag ist die 18. Trägerin des Jerusalem-Preises. Zu ihren Vorgängern gehörten unter anderen Max Frisch, Graham Greene, Stefan Heym, Mario Vargas Llosa und Bertrand Russel. (APA/dpa)

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