Wissen, das aus dem Tun kommt

8. Mai 2001, 18:52
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Von überholten Konzepten der Wissensvermittlung abzurücken empfiehlt Bildungsforscher Jörg Markowitsch

Wien - Der Bildungsauftrag der österreichischen Fachhochschulen besteht in der praxisbezogenen Berufsausbildung auf Hochschulniveau. Jetzt, nach sieben Jahren Erfahrung mit dem neuen Bildungssystem hielt es der Fachhochschulrat für angezeigt zu hinterfragen, ob die FHs diesen Auftrag tatsächlich erfüllen oder an systemimmanenten Widersprüchen scheitern. Mit der Analyse beauftragt wurde der Wissenschaftstheoretiker Jörg Markowitsch, stellvertretender Geschäftsführer des Industriewissenschaftlichen Instituts. Soeben ist seine Studie in Buchform erschienen.*

Thesen wie die folgenden stellte der studierte Mathematiker und Philosoph an den Anfang seiner Überlegungen:

  • Die strikte Regelstudienzeit und Verschulung könnte zu Lasten des wissenschaftlichen Ausbildungsniveaus gehen.
  • Der starke Praxisbezug verhindert das Erreichen von Hochschulniveau.
  • Vor lauter Praxis geht die Theorie verloren.
  • Die Lehre lässt zu wenig Platz für Forschung.

Thesen, die Markowitsch bald als irrelevant verwarf. "Diese Annahmen spiegeln im Grunde nur ein bestimmtes Weltbild wider", stellt er im Gespräch mit dem STANDARD fest, "sie gehen von der Überzeugung aus, dass mehr Praxis zwangsläufig weniger Theorie bedeutet und umgekehrt. Aber genau das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Ich schlage daher ein Umdenken vor."

Dabei bezieht sich der Wissenschafter auf Vordenker wie Wittgenstein oder Michael Polanyi. "Beide gehen davon aus, dass wir immer mehr wissen, als wir zu sagen wissen." Demnach gibt es neben dem theoretischen, kognitiven auch ein implizites, persönliches Wissen, das sich nicht ohne weiteres in Worte fassen lässt. Es ist uns quasi aus der praktischen Erfahrung zugewachsen. "Und genau dieses Wissen brauchen wir für unser berufliches Handeln, auch als Wissenschafter." Der Arzt zum Beispiel, um Krankheiten zu diagnostizieren. Der Manager, um Personalentscheidungen zu treffen. Die Führungskraft, um zu führen.

Vorreiter USA

Diese Interaktion von Denken und Handeln ist an unseren Hochschulen kein Thema. Die Unis verdrängen seit jeher alle persönlichen Aspekte, weil sie nach sogenannter "Objektivität" streben. Demgemäß hat die Theorie die Oberhand. Praktische Erfahrungen kommen bestenfalls nach der Theorie. In den USA dagegen geht man häufig den umgekehrten Weg: Das Lernen beginnt mit einer Fallstudie, erst dann kommt die Theorie.

Die Fachhochschulen wiederum dürfen nicht die Theorie aus den Augen verlieren. "Eine Hochschule muss auch Raum für kritisch-reflexive Überlegungen bieten, sonst bildet sie bessere Handwerker aus. Sowohl an Unis wie FHs muss also ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis geschaffen werden."

Praxis an der Uni wiederum müsse nicht ausschließlich Labor bedeuten. Laut Markowitsch sollten wir die Bildung kleinerer Hochschulgemeinschaften fördern, in denen die Menschen wieder mit- und voneinander lernen. Lernen sei im Idealfall nicht - wie bei uns üblich - ein individueller Prozess im stillen Kämmerlein, sondern ein sozialer Prozess, bei dem man auch implizites Wissen erwirbt. Vorzeigebeispiel: In Wien treffen sich Philosphiestudierende regelmäßig im Café Korb, um zu philosophieren. "Das ist echte Praxis."

In anderen Worten: Wer herausfinden will, ob die Fachhochschulen ihrem Bildungsauftrag gerecht werden, muss ganz neue Fragen stellen. (*Praktisches akademisches Wissen - Werte und Bedingungen praxisbezogener Hochschulbildung, WUV)

(Heide Korn, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.05.2001)

Weniger Theorie bedeute durchaus nicht niedrigeres Niveau.
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