Zuwanderung: Münz plädiert für Einwanderungs- Punktesystem

8. Mai 2001, 14:02
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Gesellschaft in Europa "schrumpft und altert"

Berlin - Deutschland könnte künftig nach dem Vorbild von klassischen Einwanderungsländern wie Neuseeland ein Punktesystem bei der Zuwanderung anwenden, meinte der Berliner Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz am Dienstag gegenüber der APA. Münz ist Mitglied der 21köpfigen Zuwanderungskommission der deutschen Bundesregierung. Diese Kommission unter Leitung der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) wird am 4. Juli dieses Jahres ihre Diagnosen und Vorschläge zur Zuwanderung vorlegen.

Aufgrund der alternden und schrumpfenden Gesellschaft in Europa sei Zuwanderung "zunehmend wünschenswert", argumentiert Münz. Das müsste von den Institutionen und Bürgern akzeptiert werden. Staaten seien "träge Tanker mit langen Vorlaufzeiten", deshalb müssten die einzelnen Modelle erst einmal erprobt werden, denn "vor 2010 brauchen wir keine massive Zuwanderung", sagt der Bevölkerungswissenschaftler.

Zuwanderung "zunehmend wünschenswert"

Ökonomisch wichtige Zuwanderung wolle der Staat nicht nur, er müsse sie auch organisieren. Die Ausländer könnten eine demographische Lücke füllen, auch wenn sie noch keine Jobzusage in Deutschland hätten. Für ein Punktesystem sollten Kriterien wie Alter, Qualifikation, Sprache, möglicherweise auch Jobzusage und Familie eine Rolle spielen. Zu überlegen sei, ob ein Staat diejenigen aufnehmen, die zuerst kommen ("Windhundverfahren") oder auf die Besten warten solle. "Was ist, wenn die Besten aber erst zwischen Oktober und Dezember eines Jahres kommen", fragt der Bevölkerungswissenschaftler.

Neuseeland passe sein Punktelimit wöchentlich der Nachfrage an. Denn gleichzeitig sollten Zielgrößen für Zuwanderung festgesetzt werden. Deshalb steht Münz auch dem jüngst vom deutschen Grün-Abgeordneten Cem Özdemir geäußerten Vorschlag eines Migrations-Ministeriums nicht ablehnend gegenüber. Die deutschen Länder sehen allerdings darin eine Beschneidung ihrer Kompetenzen. Münz: "Bis jetzt hat es einen Rechtsanspruch bei Zuwanderung gegeben. Die Zulassung von Personen braucht dann aber eine Rückbindung, weil der Beamte in Ulm oder Kassel wissen muss, wie viele Plätze noch frei sind."

Übertriebene Hoffnungen und Ängste

Münz warnt gleichzeitig vor übertriebenen Hoffnungen oder Ängsten. 20.000 Green-Cards hat Deutschland vor einem Jahr ausländischen Computerspezialisten angeboten. 6.400 davon wurden erst ausgegeben. "Wie man daran sieht, sind wir nicht von Anträgen überhäuft", sagt Münz.

In Deutschland leben derzeit rund 7,3 Millionen Ausländer, seit 1970 wurden 30 Millionen Gastarbeiter registriert, fünf Millionen von ihnen blieben. Diese Zuwanderung sei laut Münz "schlecht verdaut" worden. Man habe den Gastarbeitern signalisiert, sie seien nicht richtig erwünscht, weil sie ohnedies wieder in ihre Heimat reisen würden. Inzwischen würden sie in Wien oder Köln in schlechten Verhältnissen wohnen, obwohl sie sich längst eine Eigentumswohnung hätten leisten und damit ihre soziale Stellung verbessern können. "Statt dessen haben sie Einfamilienhäuser in Anatolien für die Kinder, die oft aus ökonomischen Gründen dort gar nicht wohnen", sagt Bevölkerungswissenschaftler Münz. Und: "Was die mazedonische Armee derzeit an Häusern zerschießt, ist Mehrwert von Gastarbeitern." (APA)

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