Völkerwanderung mit Retourticket

9. Mai 2001, 12:18
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Grazer Zoologen erkunden Migration und Verteidigung asiatischer Riesenbienen

Alljährlich werden die Bewohner des indischen Bundesstaates Assam Zeugen einer Völkerwanderung der besonderen Art: Tausende Kolonien von Riesenhonigbienen setzen sich in Bewegung und ziehen von den Ausläufern des Himalaya gen Süden - vermutlich auf der Suche nach reichhaltigerem Nahrungsangebot, um erst Monate später zurückzukehren. Der Ethologe Dr. Gerald Kastberger vom Institut für Zoologie der Universität Graz folgte im Rahmen eines Forschungsprojekts des Wissenschaftsfonds den Spuren der asiatischen Riesenhonigbiene Apis dorsata und erkundete die Verteidigungsstrategien dieser wehrhaften Bienenart.

Die Migration ganzer Völker mit immerhin 30.000 bis 100.000 Individuen ist schon eine beeindruckende Leistung. Nun erbrachten die Grazer Forscher erstmals den wissenschaftlichen Nachweis, dass Kolonien nach ihren hundert Kilometer langen Wanderungen punktgenau zu ihren ehemaligen Nistplätzen zurückkehren - obwohl keine der Kundschafterbienen den Ort des Heimatnests kennt. Denn während die Königin gut fünf Jahre alt werden kann, leben die Arbeiterinnen nur wenige Wochen.

DNA-Analysen

Um der Ortsstetigkeit der Bienen auf die Spur zu kommen, führten die Biologen von 1997 bis 2000 gezielte DNA-Analysen an insgesamt 17 Kolonien durch. Da sich die Identität der Königin nur über ihre Nachkommen feststellen lässt, wurden DNA-Teilstücke von 50 bis 100 Arbeiterinnen pro Kolonie markiert und identifiziert. "Dieser indirekte Mutterschaftsnachweis hat ergeben, dass in einem Fall dieselbe Königin in zwei aufeinander folgenden Jahren zur selben Stelle zurückgekehrt sein muss", so Kastberger. Wahrscheinlich führen Duftstoffe und Wachsspuren von Nestresten die Tiere zu ihren angestammten Nistplätzen zurück.

Die Riesenhonigbienen bauen ihre bis zu zwei Meter großen Waben auf Bäumen oder Häusern. Dabei legen sie oft ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl an den Tag - so können sich auf einem einzigen Baum bis zu 200 Kolonien niederlassen. Ein reich gedeckter Tisch für hochspezialisierte Vögel wie Bienenfresser und Wespenbussarde, die es auf Bienen, Larven und Honig abgesehen haben. Auf den ersten Blick ist dieser hohe Räuberdruck ein klarer Nachteil der Kolonieaggregation, dem nach Ansicht Kastbergers aber entscheidende Vorteile gegenüberstehen müssen. Der Verhaltensforscher ortet die Pluspunkte im statistischen Verdünnungseffekt, der dem Individuum in einer größeren Gruppe zu höheren Überlebenschancen verhilft, und vor allem in der gemeinsamen Verteidigung.

Luftpatrouille

Beim Anflug des Räubers schwärmen innerhalb von Sekundenbruchteilen Hunderte Wächterinnen in einer ihrer gefürchteten Massenattacken aus und greifen den Vogel blitzartig an. Das Überraschende daran: Mit einer kurzen Zeitverzögerung nimmt auch ein Nachbarnest an der Verteidigungsaktion teil, obwohl es selbst nicht Ziel des Angriffs war. "Wir nehmen an, dass wegfliegende Bienen des angegriffenen Nests ein Alarmpheromon freisetzen und damit einige Wächterinnen der Nachbarkolonie dazu animieren, sich ebenfalls am Angriff zu beteiligen." Die Nachbarschaftshilfe wird dadurch verstärkt, dass die Bienen noch Minuten nach der Attacke als Luftpatrouille den Baumwipfel umkreisen und so auch die anderen Nester schützen.

Pheromone spielen aber nicht nur bei konzertierten Massenattacken eine wichtige Rolle, sondern auch in der Verteidigung gegen Räuber aus der Insektenwelt. Nähert sich zum Beispiel eine Wespe, so werfen die Oberflächenbienen, die wie Dachziegel die Außenseite der Wabe bedecken, blitzartig den Hinterleib in die Höhe. Die Bewegung geht dabei von einem Individuum aus und überträgt sich kaskadisch auf die benachbarten Tiere. Innerhalb von Sekundenbruchteilen breitet sich so eine Verteidigungswelle in konzentrischen oder spiraligen Mustern über den ganzen "Bienenvorhang" aus. Das Resultat: Die Wespe kann sich schwerer auf ein Opfer konzentrieren.

Steuerung

Die Grazer Forscher fanden nun erstmals heraus, dass auch dieses Gruppenverhalten pheromonal mitgesteuert sein muss. Während der Welle setzen die Bienen aus der so genannten Nasonovdrüse am Ende des Hinterleibs ein Sozialpheromon frei. Es könnte den Tieren signalisieren, dass nun eine Gruppenaktion gefragt ist und niemand den Angreifer alleine attackieren soll.

Kastberger legt Wert darauf, dass seine Ergebnisse auch für Soziologen, Psychologen oder Manager von Interesse sein können: "Man darf nicht den Fehler machen, das Verhalten von Tier und Mensch in einen Topf zu werfen. Aber es erweitert den Horizont, wenn man weiß, mit welchen Strategien verschiedene Tiere bei Themen wie Aggression oder Kommunikation arbeiten." So gewinne etwa die Erkenntnis, dass die Angriffslust der Riesenhonigbiene nichts anderes ist als eine Verteidigungsstrategie, durchaus gesellschaftliche Relevanz.

(Angelika Prohammer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.05.2001)

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