Das Rad der Zeit verändert sich

8. Mai 2001, 12:58
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... Hautkrebs schleicht sich ein

Wien - Das ist ein Erfolg von seit 1988 in Österreich bereits zwölf Mal durchgeführten "Sonne ohne Reue"-Kampagnen zur Melanom-Vorbeugung und -Früherkennung: Die durchschnittliche Dicke von neu entdeckten Melanomen ist seit Beginn der Aktivitäten um ein Drittel gesunken. "Die Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt für alle Melanom-Erkrankungen bereits 80 Prozent." - Das erklärte am Dienstag der Wiener Spezialist Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger (Gesellschaft für Dermatologie) bei einer Pressekonferenz aus Anlass der Vorstellung der diesjährigen Kampagne.

Die Österreichische Krebshilfe hat für die kommenden Wochen zahlreiche Aktivitäten in Zusammenarbeit mit dem Kosmetik-Hersteller Vichy und dem Österreichischen Apothekerverband sowie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie geplant: Kernpunkt ist ein "Sonnebus" samt "Sonnenclown" und einem jeweils diensthabenden Dermatologen, der vom 14. bis 31. Mai nach einem Terminplan durch 14 österreichische Städte touren wird.

Vorsorge und Früherkennung

Am wichtigsten sind die Vorsorge und die Früherkennung. Pehamberger: "Der wesentlichste Faktor in der Entstehung von Hautkrebs ist die Sonne. Das gilt sowohl für die akut eingestrahlte Sonne, also die Sonnenbrände, als auch für die gesamte Sonnenbelastung." Eine zu starke Sonnenexposition sei natürlich auch der am leichtesten vermeidbare Faktor.

Dann kommt die Früherkennung, die über Leben und Tod entscheiden kann. Der Melanom-Spezialist: "Das Gefährliche ist, dass das Melanom frühzeitig Metastasen setzt. Dann sind unsere Behandlungsmöglichkeiten begrenzt."

Das hängt entscheidend von der Tumordicke zum Zeitpunkt der Diagnose ab. Pehamberger: "Wir haben in Österreich pro Jahr rund 2.000 Melanom-Neuerkrankungen. Die Tumordicke (bei Diagnose, Anm.) ist von durchschnittlich 1,5 Millimeter, als wir mit den Aktionen im Jahr 1988 begonnen haben, auf weniger als einen Millimeter zurück gegangen." In einem derart frühen Stadium erkannt, sind mehr als 90 Prozent der Patienten das Problem nach der Operation praktisch endgültig los.

Vorsorge

Sozusagen "sonnenklar" sind im Grund die Prinzipien der Hautkrebs-Vorsorge: Vermeidung von Sonnenbränden und Vermeidung von "chronischer" intensiver Sonnenbelastung. Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger von der Universitäts-Hautklinik in Wien zitierte einen australischen Slogan: "Between eleven and three - stay under a tree" (Zwischen 11.00 und 15.00 Uhr - im Schatten bleiben, Übers.). Dazu gehören auch die entsprechende Kleidung und Sonnenschutzmittel mit hohem Schutzfaktor.

Ganz wesentlich haben sich in den vergangenen Jahren die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten bei Melanom-Patienten verändert. Pehamberger: "Mit der digitalen Auflichtmikroskopie kann man sogar einen Blick in verdächtige Läsionen (Hautkrebs?) machen." Die Speicherung der Bilder im Computer erlaubt einen exakten Vergleich von regelmäßigen Untersuchungen bei Hochrisiko-Patienten.

Neu ist auch die "Sentinel-Lymphnode-Biopsy" (Biopsie von "Wächter-Lymphknoten") im Rahmen von Melanom-Operationen. Pehamberger: "Dabei wird dieser (dem Melanom nächstgelegene, Anm.) Lymphknoten mit einer radioaktiven Substanz markiert, entfernt und auf Mikrometastasen untersucht." Ist dieser frei von Krebszellen, kann eine großräumige Entfernung von weiteren Lymphknoten unterbleiben. Das hilft, unnötig große Operationen zu vermeiden.

Interferon-Behandlung

Risiko-Patienten mit einer hohen Rückfallsgefahr sprechen laut Untersuchungen, die auch an der Wiener Universitätsklinik durchgeführt wurden, auf eine Interferon-Behandlung nach der Operation an. Das kann die Zeit bis zum Rückfall verlängern und in manchen Fällen sogar die Überlebenszeit verlängern.

Haben Betroffene bereits Melanom-Metastasen, besteht die Möglichkeit einer Chemotherapie. Doch auch hier gibt es neue Entwicklungen. Pehamberger: "In einer internationalen Studie wird derzeit die Wirksamkeit einer Impfung mit modifizieren dendritischen Zellen im Vergleich zur Standard-Chemotherapie erprobt." Das Vazin soll das Immunsystem gegen die Melanomzellen "scharf" machen. Dazu dient neben einer "Beladung" dieser Antigen-präsentierenden Zellen mit Tumor-Bestandteilen auch das Gen für die Produktion von Interleukin-2, das weiße Blutkörperchen anlockt und aktiviert.

Antisense-Oligonukleotide

Vom Labor bis zur derzeit laufenden internationalen klinischen Phase-III-Studie gebracht haben Wissenschafter von der Universitäts-Hautklinik in Wien das neue Prinzip der Behandlung von Melanom-Patienten mit Antisense-Oligonukleotiden. Diese künstlich hergestellten "Widersinn"-Erbsubstanz-Teile blockieren das Bcl-2-Überlebensgen der Melanomzellen, das sie gegen die Chemotherapie relativ unempfindlich macht. Erst im Herbst vergangenen Jahres haben die Wiener Wissenschafter im "Lancet" Erfolge bei einer kleinen Anzahl von Patienten veröffentlicht. Pehamberger, der an diesen Arbeiten beteiligt ist: "Derzeit läuft international eine große Phase-III-Studie mit dieser 'Gentherapie'."

Doch am wichtigsten bleiben Vorsorge und Früherkennung. Letzteres gilt besonders beim Vorliegen von verdächtigen Veränderungen von Muttermalen. Der Dermatologe: "Es gibt Muttermale, mit denen kann man 200 Jahre alt werden." Doch "atypische Muttermale" haben die Tendenz, zu entarten. Deshalb sollte jeder Mensch ab und zu den Hausarzt um eine Haut-Inspektion bitten. (APA)

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