Diskussion um Ginkgo-Wirkstoffe

9. Mai 2001, 13:16
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Kassen wollen Leistungen kürzen

Wien - Als Problem sehen Experten die Leistungskürzungen der Krankenkassen, welche die Substanzen zur Verbesserung der Hirnleistung im Alter - so genannte Nootropika - betrifft. Diese Arzneimittel mit Ginkgo-Wirkstoffen sollen von der Liste der auf Kassenkosten verschreibbaren Medikamente gestrichen werden. Ein offener Brief an Gesundheitsminister Herbert Haupt (F) und den Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Hans Sallmutter, wird in den kommenden Tagen in zahlreichen österreichischen Ordinationen aufliegen und kann mittels Unterschrift unterstützt werden.

Nootropika werden bei Gedächtnisstörungen, Hirnleistungsstörungen und Alzheimer-Krankheit verordnet. Vor einigen Monaten haben Ärzte der Altersmedizin, Angehörige von Alzheimer-Selbsthilfegruppen und der Österreichische Hausärzteverband ein Expertenpapier entwickelt, in dem sie darauf hinwiesen, dass es sich bei Nootropika um wirkungsvolle und absolut notwendige Arzneimittel für ältere Menschen handle. Etwa 100.000 demenzkranke Österreicher wären auf diese Medikamente angewiesen.

Betreuungskreis könnte zusammenstürzen

Prim. Dr. Marion Eleonore Kalousek vom Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe warnte am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien vor den Folgen der Streichung der Nootropika: "Ein erschwerter Zugang zu antidementiven Medikamenten würde die Versorgungssituation der betroffenen Menschen wesentlich verschlechtern." Antonia Croy, Präsidentin der Selbsthilfegruppe Alzheimer Angehörige Austria, meinte: "Und fällt nur ein Steinchen aus diesem Betreuungskreis heraus, dann stürzt dieser zusammen." Auch würden die Kranken früher in Pflege müssen, wenn die Nootropika dem Sparstift zum Opfer fallen.

Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, kritisierte, dass in der vergangenen Zeit von den Sozialversicherungen ohne viel Diskussion beim letzten Lebensabschnitt gespart werde.

Reaktion

Zu der Kritik von Experten, dass Arzneimittel mit Ginkgo-Wirkstoffen von der Liste der auf Kassenkosten verschreibbaren Medikamente gestrichen werden, meinte der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger am Dienstag in einer Aussendung, dass diese Präparate seit Jahren umstritten seien. Sie sollen laut Hauptverband sogar in mehreren westlichen Ländern nicht einmal als Arzneimittel zugelassen sein.

"Schon 1997 wurde im Rahmen der Überprüfung des Heilmittelverzeichnisses festgestellt, dass für den Nachweis eines relevanten Nutzens für Patienten weitere Belege notwendig sind. Solche Belege, welche vielerorts geäußerte Zweifel am Patientennutzen beseitigen würden, wurden von den Unternehmen bis dato nicht beigebracht", hieß es. Die speziell angeführten Überprüfung der freien Verschreibbarkeit von Ginkgo-hältigen Arzneimitteln habe bis dato keine endgültige Entscheidung ergeben.

"Nach Berücksichtigung sämtlicher Informationen muss derzeit davon ausgegangen werden, dass die Anwendung von Ginkgo primär nicht auf Grund der Erkenntnisse der modernen Medizin erfolgt", so der Hauptverband. Diese sehen für ärztliche Behandlungsmethoden und insbesondere für Medikamente den Nachweis eines relevanten Nutzens für Patienten nach den aktuell gültigen methodischen Standards vor. Für viele Bereiche, in denen Ginkgo angewendet wird, sei ein solcher Nachweis vom Hersteller bisher nicht erbracht worden. (APA)

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