Modemarken statt Großfamilie

8. Mai 2001, 11:40
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Trends als Ersatzreligion

Hamburg - Die Hamburger Designerin Jette Joop betrachtet Modemarken in der westlichen Konsumgesellschaft als Ersatzreligion. "Marken sind heute identitätsstiftend und ersetzen quasi die Großfamilie, teilweise sogar die Religion", sagte die 32-jährige Tochter von Wolfgang Joop.

Die Modeschöpferin, die an einem Experten-Workshop vor dem 6. Deutschen Trendtag (10. Mai) in Hamburg teilnahm, betonte: "Damit nimmt auch die Verantwortung von Designern zu. Designer und Markenhersteller sind verantwortlich für das, was sie verkaufen."

"Politik und Spiritualität haben an Stellenwert verloren"

Vor allem junge Menschen orientierten sich heute an Popstars und Marken. "Politik und Spiritualität haben an Stellenwert verloren. Madonna oder Britney Spears haben mehr Einfluss auf die Jugend als eine Politikerin wie Angela Merkel", meinte Joop.

Das Qualitätsbewusstsein der Kunden und ihre Kritikfähigkeit seien allerdings gestiegen. "Heute kann man keinem etwas mehr vormachen, was das Preis-Leistungs-Verhältnis, Modernität oder auch Integrität einer Marke angeht."

Die Mode-Industrie werde künftig dem Trend zum Individualismus vermehrt nachgeben. "Große Firmen mit entsprechender Logistik werden es ihren Kunden ermöglichen, seine Waren in einem vorgegebenen Rahmen eventuell über Internet nach eigenem Geschmack mitzugestalten", sagte Joop. In der Mode dokumentiere sich immer ein Trend und der dazu gehörige Anti-Trend. "In der nächsten Zeit werden wir eine Art Flucht in die Romantik und das Märchenhafte haben, um uns von den Anstrengungen der Realität zu erholen. Daneben wird es die klare Sachlichkeit geben, konzentriert auf einen Großstadt-Look." (APA/dpa)

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